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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 461

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Humanismus
Date
1920-01-01
Page
461 (sequence 3)
Language
German
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Humanismus 461 man eingestehen, daß dieser Identifizierung der Gottheit mit der Bewußtheit, die von der anderen Seite gesehen eine Apotheose der Ratio darstellt, ein gewisser antimetaphysischer Zug anhaftet. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß der antike Hebräer von Hause aus diese instinktive Verehrung gerade für rationelle Erkenntnisse gehegt haben soll. Damit ist nur gesagt, daß eine Apotheose des Vernunftgemäßen sich aus dem energetischen Gottesbegriff des ursprünglichen Judentums als unmittelbare Folge ergibt, weil sie in ihm implicite eingeschlossen liegt. Es ist damit zugleich gesagt, daß das ursprüngliche Judentum in schroffem Gegensatze zur ganzen antiken Welt das Wesen der Gottheit nicht naturalistisch, sondern vornehmlich humanistisch auffaßte, weil eben der spontane Willensantrieb in dessen Zuspitzung zu einem selbstgewählten Entschluß das wesentlichste und charakterischste Merkmal des homo sapiens bildet. Aber dies alles nebenbei. Das Hauptsächlichste und Wesentlichste in unseren Betrachtungen bleibt immer der Umstand, daß der jüdische Dualismus zwischen Gott und Natur, die Spaltung des Seienden in einen schaffenden Geist und eine geschaffene Welt die Hypostasierung und Widerspiegelung nach außen eines Verhältnisses zwischen einem spontanen Willenimpuls und einem ihm gegenüberliegenden Gegenstande bildet, einem Gegenstande, den es zu bewältigen gilt, und an dem sich der Wille ausleben soll. Die Art und Weise aber, wie sich Völker ihre Vorstellungen von der Gottheit zurechtlegen und in welche Form sie diese Vorstellungen kleiden, kann nicht von ungefähr, nicht ohne tieferen Zusammenhang mit ihrer ganzen Lebensführung sein. Die ausgesprochen energetische Auffassung des Judentums mußte ganz bestimmt ihr konkretes Analogon im Habitus und Lebenswandel des Volkes haben. Wenn dieses urwüchsige Judentum die Gottheit nicht im Kosmos aufgehen oder aus ihm hervorgehen ließ nach Art anderer großer Kulturvölker der Antike, so waren dafür ganz bestimmt gewisse objektive Ursachen im Leben des Volkes maßgebend gewesen. Die alten Hebräer waren zu Beginn ihrer Geschichte ein vornehmlich viehzuchttreibendes Volk, und der Viehzüchter steht nicht in diesem unmittelbaren und beständigen Kontakt mit der äußeren unbelebten Natur, wie der Bebauer des Grund und Bodens, auf dessen Geist die Erde mit ihrer ganzen Schwere lastet. Wiewohl der Viehzüchter in der freien Natur lebt und webt, so vollzieht sich doch nicht sein Alltagsleben in dieser fatalen Abhängigkeit von den blinden Mächten des Kosmos, wie das des ackerbaubetreibenden Menschen, der von der Gnade der Witterung sein Dasein fristet und den Launen der Elemente unterworfen ist. Jedenfalls ist der Grad der Abhängigkeit von den Mächten der unbelebten Natur bei dem Viehzüchter bei weitem geringer und schwächer als' beim Ackerbauer. Freier ist sein Blick, unbefangener sein Wesen. Aber zu gleicher Zeit ist er auch aggressiver, anmaßender und despotischer als der meistens friedliche Ackersmann. Die unbedingte, durch nichts gezähmte Herrschaft über lebende und empfindende Wesen ist nicht geeignet, in der Seele des Viehzüchters allzu

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