Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Humanismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 460 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105910--4365-3105971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
460 Rafael Seligmann: Wirklichkeit gewahrend, sich mit ihm in irgendwelche Verbindung setzt, um irgendwelche Veränderung an dieser Wirklichkeit vorzunehmen. Und was ist ein lebendiger Gott in seinem Unterschiede von einem abstrakten und unlebendigen? Nur ein Gott, der sich einer äußeren Welt gegenübersieht, die er meistern und bewältigen, an der er modeln und Veränderungen vornehmen kann. Wie ein Wille aufhört ein lebendiger Wille zu sein, und sich zu einem wesenlosen Wunsche verflüchtigt, sobald er sich in einer äußeren Wirklichkeit nicht auszuleben vermag, so muß ein Gott ohne eine ihm gegenüberliegende, seinem Willen gefügige Welt aufhören ein lebendiger Gott zu sein, und sich zu einem gegenstandslosen Schemen verdünnen. Die Vorstellung von einem schaffenden Gott und einer geschaffenen Welt war der instinktive Ausdruck einer ursprünglich realistischen, auf Bewältigung von äußeren Widerständen eingestellten völkischen Gemütsanlage. Ein Wille, der sich nach außen betätigt, um gewisse vorgefaßte Zwecke zu erreichen, fühlt sich frei und spontan in seinen Antrieben und Bewegungsimpulsen. Wer aber freier Wille sagt, der sagt eo ipso Bewußtsein. Wir brauchen uns dabei in keine subtilen philosophischen Reflexionen einzulassen. Jedermann vermag aus seinen alltäglichen Erfahrungen^ sich davon zu überzeugen, daß der Funke des Bewußtseins in seinem Gehirn am grellsten da aufblitzt, wenn es gilt, irgendeinen spontanen Entschluß in irgendeiner Richtung zu fassen, wenn er sich vor irgendeine Wahl gestellt sieht. Da bekommt er plötzlich ein scharfes Gefühl von einer Bewußtheit, während in allen anderen Fällen sein bewußtes Seelenleben sich fast automatisch und sozusagen unbewußterweiser abwickelt, ohne daß er spürt und weiß, daß dieses wache Seelenleben einen Komplex von bewußten Funktionen darstellt. Und nur wenn er sich aus freiem und spontanem Antrieb zu etwas entschließt, da beginnt sich in seinem Innern so etwas wie ein Gefühl von seinem Bewußtsein im Gegensatz zum Unbewußtsein und Instinktiven zu regen. Das ist so richtig, daß in dem Maße, als ich mich in meinen spontanen Willensimpulsen eingeschränkt fühle und von diesen oder jenen Eindrücken hinreißen und beherrschen lasse, in dem Maße also, als ich von irgendwelchen mir fremden * Mächten getrieben, bestimmt und geleitet werde, statt selber zu treiben, zu bestimmen und zu leiten, der Helligkeitsgrad meiner Bewußtheit dementsprechend auch eine bedeutsame Trübung und Schwächung zu erleiden beginnt. Handle ich vollends automatisch, so streife ich bereits hart an der Grenze des Unbewußten, das zu gleicher Zeit das Reich der Notwendigkeit und Unfreiheit darstellt. Wenn nun das göttliche Wesen mit einem spontanen und zwecksetzenden Willen identifiziert wird, wie es das Judentum allerdings tut, so bedeutet es zu gleicher Zeit die Identifizierung der Gottheit mit Bewußtheit, mit Bewußtsein als solchem. Gott ist die Ratio. Und wenn man unter metaphysischem Schauen das Vorgefühl von jenem gemeinsamen Urgrund versteht, aus dem Bewußtes und Unbewußtes in gleicher Weise hervorgehen, in dem Bewußtes und Unbewußtes in gleicher Weise verwurzelt sind, so muß