Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 458 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Arnold Zweig: neren Teil ist dieser Kern auch noch religiös traditionell im strengen Sinne; eine laxere Übung des Ritus hat hier weithin schon Platz: aber noch ist das verpflichtende Gefühl zum Judentum hin hier vag aber deutlich metaphysisch verwurzelt in einem Gott, dem zu vertrauen man nicht aufhört und der die waltende Macht der Feiertage und Gottesdienste, Fasttage und Riten ist. Alles Neue im Judentum setzt sich hier in Erregung um die Abwehr und Erörterung zum Zwecke der Abwehr ist. Kulturell lebt man ganz in der Ideen- und Wertewelt des umgebenden deutschen Bürgertums, die von liberalen Zeitungen und ihrem Feuilleton abhängt und auf dem Besten und Erprobtesten des deutschen Kulturguts beruht, ohne jedoch zeitgenössische Schöpfung, sofern sie nirgendwie aufreizend neu ist, von vornherein abzulehnen. Der Wunsch nach einer würdigen Unauffälligkeit ist oberstes Gesetz auch in jüdischen Dingen, doch bewahrt vor Selbstverleugnung und Feigheit ebensosehr das Gefühl der Berechtigtheit jüdischen Seins wie das Vertrauen in die gesetzlich zugesicherte Freiheit der Religionsübung. Hier ist der Abfall vom Judentum, aus welchem Grunde auch, noch Abscheu und Haßerregung; nur Heine wird er nicht angerechnet, dem man ihn mit Recht vergißt; und indem man in den Kindern diesen Abscheu wachzuhalten sucht, gibt man. ihnen, neben allerhand ungeschickt betriebenem jüdischem Unterricht und der Innehaltung der Sabbate und Feste, alles was man an jüdischem Gehalte geben kann. In der Minorität der traditionstreuen Familien freilich gibt man ihnen weit mehr: eine größere Menge und Intensität religiöser Bräuche und Kenntnisse so fest als möglich eingeprägt; und in einer Minorität dieser Minderheit noch ein lebendiges und suchendes Verhältnis zum jüdisch-historisch erfaßten Gott von rührender und wundervoller Reinheit. Das alles aber, hier kraß und kahl aufgezählt, wird bewegt und umspült von der Atmosphäre der Familie, die, so stockig oft und schwer sie sein möge, doch Schimmer, Wärme, unvergeßliche Feierlichkeit und Verbundenheit mit diesem rätselvollen und unverstandenen Sein auf das ganze Leben ausgießt, welches Leben des Juden in dieser Zeit darstellt, und dessen stärkste Bindung die frühe Einsicht der Kinder in die Last und Arbeit ausmacht, die die Eltern auf sich nehmen, um sie zu leichterem, edlerem und reichlicherem Dasein aufzuziehen. Die Kinder dieser Eltern geben die zweite Zone, die Grenze, in der noch Anhänglichkeit zu Juden und Judentum lebendig ist; selbstverständlich dies nur schematisch verstanden. Die Eltern hatten noch gar keine Wahl: sie hätten nie verstanden, wie man zwischen Jüdischem und Allgemeinem wählen könne; ihre Stellung war gegeben, und sie empfanden keinen Unterschied. Die der Kinder ist es nicht mehr. Ihr Lebenskreis, die größere oder die Großstadt, vereinzelt sie schon; das freiere und reichlichere Leben, die weitere Offenheit für Zeitideale und Güter der allgemeinen Kultur führt ihnen so viele, als ungleich lebendiger, bereichernder, befeuernder empfangene Erlebnisse außerjüdischer Art zu, daß ihre Zugehörigkeit zum Judentum erblaßt und unmerklich schwindet. Darum kommt ihnen der Augenblick der Wahl. Ob sie noch