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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 457

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
457 (sequence 7)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 457 weisen wird, daß die Radikalen und die nun Toten die besseren Realpolitiker waren. Aber diese Erkenntnis wird der Differenzaffekt, der heute herrscht, alle Schuld den Juden beimessend, verdecken, vielleicht auf lange Jahrzehnte hin. Und da der plastische Moment, die einmalige und notwendig-transitorische Gunst des Augenblicks, ohne Frucht verstrichen ist, bleibt das Feld der „Entwicklung" offen, in deren Spiel und Gegenspiel weiterhin deutschjüdische Sozialisten ihre tragische Tat vollziehen werden, während die jüdischen Massen im Osten grauenvoll dezimiert und ohne Führer sich langsam auflösen. Und indem wir die typischen Individuen deutsch-jüdischen Schicksals verlassen und uns dem Problem der Gesamtheit wieder zuwenden, leugnen wir nicht den bittern Geschmack, der uns im Munde zurückbleibt. 4- Ein summarischer Blick auf das deutsche Judentum wird hier unerläßlich: nach der Intensität des Jüdischseins und Jüdischfühlens müssen Kern, Grenz- und Zersetzungszonen voneinander geschieden werden. Damit ist zugleich gesagt, daß in diese beiden äußeren Zonen etwas Nichtjüdisches eindringt, in der ersten das Jüdische balancierend, in der zweiten überwiegend. Nationale Juden werden dieses Element als Assimilation anprangern: falsch und vorschnell, wie sich zeigen wird. Assimiliert vielmehr an ihre jeweilige deutsche Umwelt ist das gesamte deutsche Judentum, sowohl in politischer Zielsetzung Als auch in Wirtschaftsvorstellungen und kulturellen Zielen; assimiliert ist das Gesamtbewußtsein der deutschen Judenheit. Loyales deutsches Bürgertum ist die gemeinsame Voraussetzung fast Aller, auch der meisten Juden die sich dem jüdischen Nationalgedanken für ergeben halten oder es wirklich sind. Davon kann nichts abgestrichen werden. Kern, Grenze und Zersetzungszone scheiden sich vielmehr nach der Intensität desjenigen bewußten Fühlens, das vom Gefühl deutschen Bürgertums übrig -gelassen wird, es unterbauend oder von ihm instinktiv abgetrennt: nach Willen zur Verbundenheit mit dem jüdischen Schicksal in der Welt zeitlich rück- und vorwärts, nach dem Empfinden einer inneren, mehr oder weniger leidenschaftlich schwingenden Besorgnis und Mitverantwortung an der Fortdauer eines unklar, aber als innerste Angelegenheit bejahten Judentums — sei es nun Volk oder Religion benannt; und ferner nach dem unbewußten, die Basis des Lebensgefühls ausmachenden Spiel von Wertungen und Impulsen, das vor allem die Haltung in inner jüdischen Angelegenheiten entscheidet. Danach bildet den Kern des deutschen Judentums und seine eigentliche Substanz die kleine Gemeinde und das kleine jüdische Bürgertum der Großgemeinden. Hier zeigt es sich als Träger allen Bewahrens, von einer konservativen Hartnäckigkeit, die wir nicht genug preisen können, wenngleich sie sich am schärfsten gegen uns, die nationalbewußte und zionistische Minderheit, gerichtet fühlte oder noch fühlt. Aber mit der gleichen unbeweglichen Härte und Unverführbarkeit stemmt sie sich auch gegen den Zeitgeist, der Flucht in Verantwortungsfeigheit heißt, Atomisierung, Erledigung des Juden zugunsten des unterscheidungslosen Mischmasch. Nur zum klei-

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