Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 459 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rafael Seligmann: Humanismus 459 Juden sein wollen und wie sie es sein wollen, müssen sie vor sich entscheiden — und rational begründen. Das Instinktive hat keine Macht mehr; wohl aber wirken Atmosphäre des Elternhauses nach, Wille zur Verbundenheit mit ihm und, zum Gegenstand bewußter Analyse gemacht, mit dem Undefiniert existierenden Träger dieses Jüdischen, das ihnen daraus entgegenschlägt, Sie definieren es: als Glaubensgemeinschaft, wenn ihnen ihre sonstige Identität mit dem deutschen (allgemeinen) Bürgertum entscheidend ist, als Rasse, wenn sie sich ihrer religiösen Indifferenz als eines Wertes bewußt werden, als Volk, wenn das Irrationale und Tieflebendige dieses jüdischen Seins sie überkommt. Dann suchen sie Verbindung mit Gleichgesinnten; es entstehen Vereine und Zusammenschlüsse organisatorischer Art jenseits der alten Gemeinde, die ihre Verbindlichkeit für sie verloren hat. Innerhalb ihrer sättigen sie sich mit entsprechenden jüdischen Inhalten, die an die Stelle aufgegebener Formen treten; die zionistische Organisation hat hier einen Großteil ihrer Anhänger gewonnen, ebenso wie der Zentralverein deutscher Staatsbürger und die vielen Literaturvereinigungen deutscher Juden. Hier schon spielt die Wirksamkeit des Antisemitismus endscheidend in die Entschlüsse; ohne ihn sähen sich viele dieser Wählenden der Wahl enthoben; ound die Kinder dieser Grenzzone werden von den Eltern nach Möglichkeit mit der Empfindung unaufgebbaren Judentums gesättigt, mittels Jugendvereinen und modernen Unterrichts, die je ■nach der Zugehörigkeit der Eltern liberal oder national sind, aber jedenfalls eine Art jüdischer Jugendatmosphäre*zu schaffen suchen, in der das erwachsende Kind seinem inneren Antriebe gewisser folgen kann als den kulturellen Lockungen der Umwelt, die durch sie unschädlich gemacht werden sollen indem man ihre reibungslose Vereinbarkeit mit jüdischem Verbundenheitsgefühl behauptet. Und da, wo Jugend mit Jugend lebt, ein freudiges Vertrauen in das Erlebte wach wird, da vor allem die Qualitäten der Großeltern in den Enkeln erfahrungsgemäß energischer als in ihren Eltern wirken, zeigt sich keine dieser Veranstaltungen so unfruchtbar wie man befürchten müßte. (Fortsetzung folgt.) RAFAEL SELIGMANN/HUMANISMUS Der für das Wesen der jüdischen Lebensanschauung so charakteristische Dualismus zwischen Gott und Welt, zwischen Schaffendem und Geschaffenem, ist ganz entschieden die sozial-psychische Projektion einer ursprünglich aggressiven Gemütsveranlagung, eines robusten und anfänglich keineswegs friedlich gestimmten Stammes. Ein derartiger Dualismus konnte nur im Geiste von typischen Willensmenschen entstanden sein, von Willensmenschen, die selber gewohnt sind, sich täglich und stündlich nach außen zu betätigen und ihre Kraft an äußeren Widerständen zu erproben. Was ist ein lebendiger Wille in seinem Unterschiede von einem gegenstands- und wesenlosen Wunsch? Nur ein Wille, der irgendeinen Angriffspunkt in einer ihm gegenüberliegenden