Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Arnold Zweig: und „nationale Wirklichkeit" der evolutionistische Sozialismus deutscher Prägung sich herausstellte. In den festen Zuständen des alten Staates konnte dies Paradox ein Dasein führen, einheitlich dem Anschein nach und mit der Fassade einer macht- und zielsicher wollenden Partei der großen Internationale. Aber nur, solange es sich um Tat und Verwirklichung nicht handeln konnte. Der Augenblick, der diese verlangt, die Revolution (nachdem der Kriegsausbruch im Übermaß des nationalen Differenzaffekts verpaßt war), bringt den Bruch und die Katastrophe. Jüdische Sozialisten als Führer einer deutschen sehr kleinen Minderheit voll hingebender Liebe zum deutschen Proletariat, ja zum deutschen Volke und seiner Zukunft, in der sicheren, von dieser Liebe wie von ihrer Hingabe an die Idee getragenen Erkenntnis, daß nur Ganzheit, wirkliche Neugeburt, radikaler Bruch mit dem ins Verhängnis getaumelten Alten diese deutsche Zukunft bestimmen, ja retten und überhaupt erst ermöglichen könne, zeigen sich willens, diesen Bruch zu vollziehen und den Rest der Gegenwart, vor allem aber die Verbindung mit der alten deutschen Existenz dafür hinzugeben. Die Spannweite ihres Willens, ihr Vertrauen in die bauende Kraft und die Einsicht des Volkes führen sie, und führen sie in den Irrtum. Denn in den Massen ist die Hingabe an die Sicherung des Gegenwärtigen, der Glaube an die gleitende Entwicklung, die Liebe zur nationalen Existenz in das Alte soweit als möglich mit aufnehmender Form in dem Zusammenbruch das herrschende Gefühl. Die Liebe zur Heimat, wie sie war, abgesehen von der als schuldig gekennzeichneten Regierungsform, der Wunsch ihrer Führer, soweit als möglich Gewaltsamkeiten, überstürzende Maßregeln zu vermeiden, Furcht vor dem ungewissen Ausgang von Experimenten im gefährlichsten Augenblick lähmen jeden Versuch, die Einheitlichkeit der Bewegung zu vollziehen; da drängt die Erkenntnis von der nur einmaligen und notwendig transitorischen Gunst des Augenblicks die Radikalen und ihre Führer zum Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen, die Revolution zu retten, indem man sie weitertreibt; aber es ist schon zu spät. Das Bündnis der nationalen Sozialdemokratie mit dem Bürgertum trägt seine praktische Frucht. Um die Zukunft des Volkes zu sichern haben jene ihre Energie gespannt und vorwärts geworfen; um mittels der Gegenwart die Zukunft des Volkes zu retten, werfen diese ihre Energie rückwärts, sie sind im Bunde mit dem Bestehenden die Stärkeren, aber ganz ohnmächtig vor ihrem Werkzeug, der bewaffneten Macht, welche die Ordnung wieder herstellt, indem sich zum sozialen der antisemitische Differenzaffekt hemmungslos gesellt. Außer Liebknecht (der überall im Heere für einen Juden galt, selbstverständlich): Rosa Luxemburg, Eisner, Levine, Hugo Haase, vor allem der innerlich schon ganz von der gegenwärtigen Revolution abgelöste Landauer fallen nacheinander — alles Juden und dem Volke, das sie tötet, leidenschaftlich ergeben; auf deutschen Schlachtfeldern und vor deutschen Standgerichten fallen Scharen von Arbeitern, die Gefängnisse füllen sich mit den entschlossensten der Überlebenden, und eine deutsche Gegenwart kann aus den Kriegsfolgen sich entwickeln, die binnen kurzem be-