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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 455

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
455 (sequence 5)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 455 werte, bahnbrechende oder lebenzwingende Gestalt, der er dient, vor den Augen des verführten und belogenen Volkes. Damit tritt in seine Wirksamkeit selbst der Zug der Vergeblichkeit, des vertanen Opferns und der umsonst vom eigenen Volkstum sich abwendenden Bahn. Denn es mag sein, daß heute gelegentlich ein schlechter Typ Jude in gute deutsche Dinge pfuscht: weit häufiger aber geht auf diesem Weg der Sachhingabe und Selbstaufhebung der edle und reine, in deutscher Umwelt erwachsene Jude, den so vergeblich sich verschwenden wir anderen nur mit Trauer sehen können, und der, mit allem persönlichen Recht als Sachwalter bester deutscher Werte auftretend, der Anlaß dauernderer Lähmung wird als nötig und natürlich. Aber ganz deutlich und bis zur tragischen Katastrophe wirkt dieser tragische Zug sich in dem dritten Beispiel aus, das wir ankündigten: im deutsch-jüdischen Sozialisten. Seinem Wesen als Klassenbewegung nach ist der geltende Sozialismus international, er geht quer durch die senkrecht geteilten Nationen hindurch. Dieser Charakter der Bewegung verpflichtet und berechtigt den Juden an jeder beliebigen Stelle, an der durch Geburt und Neigung er sich findet, für sie zu wirken; für den strengen Sozialisten gilt die Scheidung der Grenzen nicht, deren geistigen Charakter zu unterschätzen er erzogen worden ist. Der Sozialismus wie jede ähnliche Bewegung ist seinem Wesen nach radikal und extrem; er hat ein Ziel, das nicht etwa seine äußerste Möglichkeit bezeichnet, sondern sein wahres Wesen angibt: vollständige Vergesellschaftung der Produktion. Und ferner verlangt er, daß der ganze Mensch, der ihn bekennt, sich ihm zu Diensten halte, und zu tatbereitem Dienst; nicht Gesinnung, sondern Ausprägung der Gesinnung in der Wirklichkeit des Lebens ist das Amt des Sozialisten. Beides, die Tatbereitschaft und die Radikalität, beflügelt von der urjüdischen Losung gerechten Lebens auf der Erde, bringt der Jude dem Sozialismus entgegen, nicht Amalgam, sondern chemische Verbindung gehen diese beiden Elemente im Juden ein. Weiterhin gibt es überall in den deutschen Massen des Proletariats Gruppen und Schichten, deren eigene Radikalität, aus alten Quellen des Volkstums fließend, wie sie seit den Bauernkriegen sich bewahrten, der jüdischen entgegenkommt (Schwaben, Bayern), andere wie Sachsen, Berlin oder Hamburg radikalisiert der Anblick des Luxus hochkapitalistischer Großstädte. Dies sind Kräfte, die einheitlich und gleichgerichtet vorwärts streben. Gegen sie aber bewegen sich ebenso berechtigt und gleichwertig die Tendenzen der Wirklichkeit. Völker sind untereinander verschieden, auch ihre Proletariate, vor allem im Tempo der gesamten Massen. Dieses ist in Deutschland langsam, zögernd, von einem Zustand in den anderen gleitend; um so mehr, als die wirtschaftlichen Kräfte in der Struktur des Bürgertums, ihr energischer Drang zur Beständigkeit und die noch lebenden Reste patriarchalischen Fühlens das Lento dieses Tempos noch unterstreichen. Aus nationaler Substanz wächst jenes Ideal von Kleinbürgertum im deutschen Arbeiter, das als Ziel sozialistischer Entwicklung von ihm gehegt und gesucht wird, wie als Resultante der beiden divergenten Kräfte „sozialistische revolutionäre Idee"

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