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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 454

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
454 (sequence 4)
Language
German
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454 Arnold Zweig: Zeitungen gehören auch die Lehrer der höheren und Hochschulen, die oft auch deren Schreiber sind. Die unnationale Kunst, Wedekind etwa oder der „Jude" Stefan George, wird einer Schülergeneration nach der anderen in einen gehässig entstellten Popanz verwandelt vorgeführt; die Urteile der Schüler, unreif und schwankend im schwer zu gebrauchenden Kunst-Urteilsvermögen, werden verzerrt, ihre Instinkte künstlich abgelenkt und verwirrt; Zeitschriften, die man ihnen nahebringt, bestätigen und „vertiefen" die Schulweisheit, „Literaturgeschichten" (Bartels und Geißler!) befestigen sie vor der „Wissenschaft", und damit der Negation die Position nicht fehle, werden „Moderne" der Jugend als deutsche Genien dargebracht, deren Verwaschenheit und inneres Phlegma, deren hochtrabende und formlose, zugleich naive und schwindelhafte Idealität, Heimatkunst oder sonstige Deutschheit dem Wesen jeder Jugend genau entgegengesetzt ist und dazu verhilft, sie zu verbürgern. Dadurch erst entsteht die alberne und verderbliche Spaltung in „Literatenliteratur" und „gesunde deutsche Dichtung". Es gibt gar kein Aesthetentum in der neueren Literatur hierzulande, keine „krankhafte" und Cafehausliteratur, soweit die großen Talente in Frage kommen; es gibt nur ein künstlich durch den Differenzaffekt und seine Scheidungen verdummtes Volk auf der einen und die lebendige Literatur und Dichtung auf der anderen Seite, die von den Juden zuerst erkannt und geliebt wird. Von den jüdischen Künstlern ganz zu schweigen: wer außer Hauptmann und Stehr ist nicht als „Ästhet" gestempelt worden? George ein Aesthet! Wedekind ein Kloakendichter! die beiden Mann Literaten des Treibhauses — aber man kann all den Unsinn nur andeuten. Eine gefährliche und das Volk tief schädigende Wirkung aber hat das Geschwätz, das sich so durch Jahrzehnte hinschleppt: die wirkliche humanisierende Wirkung der Dichtungen und der Dichter, ihre seelenbildende Gewalt, der eigentlichste Sinn ihrer Sendung wird dadurch vereitelt oder um Jahrzehnte verzögert, eine genießende Einstellung zur Kunst ist die Folge bei denen, die überhaupt nicht mehr lernen, worauf Dichtung eigentlich abzielt, ja selbst ganze ältere Dichtungs- und Dichtergenerationen werden in dieser falschen Haltung aufgenommen; und die mitlebenden Künstler werden, verzweifelnd an der Tragweite ihrer Stimmen, leicht zu einem bösen Forte des Tons, zu vergröbernder Zeichnung und Färbung ihrer Werke verleitet, wenn sie gern ein Volk anredeten und nur ein Publikum um sich erblicken. Diese Wirkung des Differenzaffekts — und nur ihm fällt diese Steigerung der Widerstände zur Last, seiner verengenden, mit Neid und Spottlust niederster Art parallel arbeitenden Schäbigkeit — gibt der Hingabe des Juden an neue deutsche Geisteswerte ihren tragischen Zug. Denn indem er liebtj verkündet und wirbt, lähmt er die tiefere Wirkung dessen, wofür er sich einsetzt. Je mehr er sich selbst verleugnet, je tiefer entzündet und hingegeben an die Größe, Weite und Mission seines Heros er sich verschwendet, je inniger in deutsches Schöpfertum er sich vertieft und je selbstvergessener er die Nachfolge seines Ideals verlangt, um so boshafter verzerrt sich die heroische oder Hebens-

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