Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 453 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 453 weiß» wie unbedingt zur Rettung des deutschen Gemeinwesens und zu seinem Aufbau dieser Gedanke und seine Einprägung ins deutsehe Wesen gehört, den gegen das autokratische Preußentum alle großen Führer der Deutschen von Klopstock, Wieland, Schiller, Herder und Jean Paul bis zu den Göttinger Sieben und Uhland vertreten haben. Mächtiger schon, aber noch immer mehr im privaten Leben und in spiritueller Sphäre manifestiert sich der tragische Zug im geistigen Radikalen, im Juden, der sich in den Dienst einer neuen geistigen Strömung innerhalb «der deutschen Kultur stellt, sei sie Pazifismus, Schulgemeinde, Aktivismus oder Durchsetzung eines Künstlers und seines Weltbildes (George) oder des expressionistischen Gestaltens- Jedes wirklich neue Prinzip trifft das Bestehende mit der Wucht einer Umwälzung und hat daher alle beharrenden Tendenzen im Volke, in allen Völkern, gegen sich. Volk ist stets konservativ, schon weil es zum Assimilieren geistiger Strömungen eine im Grunde endlose Zeit braucht und und gerade dann anfängt, sich an einen Zustand zu gewöhnen, wenn die Idee, die ihn schuf, veraltet, d. h. eben gewohnt geworden ist, und die geistig Vorangehenden bereits ein Neues gefunden haben, das, so vollzieht sich Wachstum gewissermaßen pendelnd, Ergänzung und Gegenteil des schon Alternden ist. Jedes Neue wird dem Beharrungswillen der Völker aufgezwungen und abgetrotzt; und hat das Behagen im endlich ergriffenen Zustand dem Volke sein gleichgewichtiges Lebensgefühl gegeben, jene gesunde Philistrosität, ohne die Kultur niemals Angelegenheit der Massen würde, so sieht es sich schon wieder vor die Arbeit der gedanklichen Umschichtung aller Begriffe gestellt, die seine Existenz, sein Bleibenwollen schroff angreift — um so schroffer, je bedeutender das Neue ist. {Beispiel: Beethovens langsame Aufnahme im deutschen Geist: die Missa solemnis, 1823 beendet, zuerst in St. Petersburg 1824, in Warnsdorf 1830 und in London ohne Folgen für Deutschland aufgeführt, erlebt 1844 ihre deutsche Uraufführung in Köln und verbreitet sich erst nach 1860 schneller.) Geborener Parteigänger des Neuen kraft seiner beweglicheren und zugleich geistig älteren und geschulteren Phantasie, auch erwachsen in der bewillkommnenden Haltung zu neueren Zeiten die ihn befreien, und ohne Anteil am Werden des Alten, am Ende aber auch einfach wertempfindlicher dem Unerprobten gegenüber, und, nicht zu vergessen, gegen das Zuständliche des eigenen jüdischen Milieus in rebellischem Widerspruch, ist es der Jude, der allen neuen Bewegungen in Deutschland vom Augenblicke seiner Assimilation an zu raschem Siege verholfen hat, als Publikum, Verleger, Kritiker, Künstler. Die Sache nun, für die Juden als erste eintreten, ist als „jüdische Sache" gestempelt und entwertet. Dies besorgt der Differenzaffekt aller Modi in seinen Pressen. Und nun, selbst wenn das ungelehrige, stets vor Neuem schimpfende und lachende Zeitungspublikum einer neuen Bewegung, neuem Künstler von Rang oder einem Philosophen fremd, trag und spöttisch gegenüberstände auch ohne diesen Stempel, ein Publikum, auf das der große Künstler von vornherein verzichten muß und auf das er gern verzichtet: zum Publikum dieser Heft 8/9. 30