Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Arnold Zweig: Schon im demokratischen Deutschjuden zeigt sich eine schwache Spur dieser Tragik. Er, dessen innigste Sehnsucht ein dienendes Aufgehn im Deutschtum ist, und der mit hingebender Liebe an Glück und Größe seines Vaterlandes hängt, dessen Zukunft ihm gebunden erscheint an das befreiende, alle politischen Kräfte ins Spiel bringende Erwecken des demokratischen Gefühls im Deutschen, er, dessen Überzeugung sich ein Gemeinwesen ersehnt, in dem das ganze Volk mit Einsicht und - Sachlichkeit seine öffentlichen Angelegenheiten selbst besorgt, ungegängelt vom Übergewicht irgendeiner bevorrechteten oder übermächtigen Klasse, sei's die des Grundbesitzes oder die der Handarbeit, und der, dank historischer Gegebenheiten, das demokratische und liberale Ideal lange Zeit der Opposition hindurch mit anderen deutschen Schichten getragen hat, sieht jetzt, wo es siegte und die Zeit des positiven und schaffenden Wirkens anbrach, sich vor einer schmerzlichen Wahl. Entweder setzt er weiter seine Kräfte an der wirksamsten Stelle ein, das heißt, er übernimmt einige von den Regierungsstellen, die seine Partei zu besetzen hat und in denen er endlich frei wirkend zu tun imstande ist, was er bislang nur durch Kritik des Alten oder im Parteidienst anstrebte; übernimmt sie, weil er den Mangel an fähigen Köpfen kennt, den engen Kreis, den das Neue bis auf weiteres im Lande des einstigen Scheinparlaments zur Wahl seiner Träger und Leiter hat; dann muß er erfahren, daß er die Regierung und die Idee, die er stärken will, de facto schwächt, weil er den Differenzaffekt gegen sie entfesselt, sie als „Judenregierung" dem Lande denunzieren hört von einer feindlichen Partei, welche ebenso genau wie er selbst weiß, daß zurzeit die Regierung sich auch der Juden bedienen muß, will sie mit wirklich Fähigen ihre Ämter besetzen. Denn dank des Systems vergangener Jahrhunderte haben die Fähigkeit zu Befehl und geistiger Leitung öffentlich politischer Angelegenheiten unter Nichtjuden vor allem diejenigen Kreise, die das alte Regime darstellten, erworben, die jetzt in Opposition gedrängt die Rückkehr des Alten anstreben und die nicht zögern, die neue Reichsflagge als „Judenfahne" gerade demjenigen Instrument des Staates zu denunzieren, das sie schützen und ehren sollte, dem neu-alten Heere. Oder aber verzichtet er in Erkenntnis dieser Zusammenhänge auf einen Platz, der ihm nach seinen Fähigkeiten und der demokratischen Idee gebührte: dann legt sich sein Judentum, eine ihm unwesentliche und jedenfalls ganz private Angelegenheit, wie früher, als sei alles beim Alten, lähmend und kränkend über ihn: ja schlimmer als früher wird ihm weder der Akt der Taufe noch erst recht der schwächere des Austritts ein Ausweg aus dem Zwiespalt, denn, wie der Fall des Professors v. Gierke und seiner Tochter gezeigt hat, heute macht der Differenzaffekt der Opposition davor nicht Halt. Man wird zu fühlen wissen, wieviel Schmerz und innere Verbitterung hier über vornehme und tatwillige Menschen gebracht wird, obwohl man erkennt, daß in dem Widerspiel von Stärken- und Helfenwollen und beträchtlicher Gefährdung der Position des demokratischen Gedankens durch die Juden die tragische Spur nur schwach durchfärbt, besonders wenn man genau