Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 446 (sequence 8)
- Language
- German
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446 Leon Reich: lichkeit zu verdanken hat. Während Marshall oder — um auf ein anderes Gebiet jüdischer Politik zu blicken — Brandeis ihre Lorbeeren in der jüdischen Gasse als amerikanische Politiker zu erwerben begonnen haben; während Herz!, Nordau oder gar Weizmann, sei es als Schriftsteller und Redakteure von europäischem Rufe, sei es wenigstens mit dem Professorentitel ausgerüstet, an die Pforten der diplomatischen Welt anpochten, war Sokolow darauf angewiesen und verstand es auch vortrefflich, einzig und allein als jüdischer Schriftsteller und jüdischer Politiker, sich und den Ideen, die er vertrat, bei den Lenkern der Weltpolitik Respekt und Sympathie zu» schaffen. Freilich haben dabei seine hohen intellektuellen Kräfte, insbesondere seine sprichwörtlich bekannte Sprachenfähigkeit, nicht wenig mitgespielt. Als Präsident des Komitees mußte er noch vielfach bald in Angelegenheit des jugoslawischen, bald des griechischen, dann wieder des tschecho-slowakischen oder rumänischen Traktates intervenieren. In bezug auf Rumänien brach ein ganzes Kesseltreiben los. Ministerpräsident Bratianu, als Politiker pfiffiger und unehrlicher als Paderewski, wußte so lange mit den Herren der Friedenskonferenz wegen des Minoritätenschutzes der Juden Katze und Maus zu spielen, sein gegenwärtiger Nachfolger, General Voyda verstand es wiederum so trefflich in die Fußstapfen seines Vorgängers und Meisters zu treten, bis es tatsächlich gelungen ist, die innere Bedeutung des Minoritätenschutzes durch Ergänzungen und Streichungen fast zu vereiteln. Rumänien sei — verkündeten die Herren in bezahlten Artikeln und bestellten Interviews — ein alter Staat, der seine Unabhängigkeit nicht der Gnade der jetzigen Machthaber aus Europa, Amerika und Japan, sondern den Waffen der eigenen Armee von vor 40 Jahren zu verdanken habe. Und mit dem Trotze moderner Parnevüs wußten sie einerseits zu drohen, anderseits um Mitleid zu winseln; versuchten es, bald die zierliche Anmut der Königin ins Treffen zu führen, bald wieder ihre eigenen „Hausjuden" als Vermittler nach dem politischen Weltmarkt in Paris hinauszusenden. Leider sind — wie erwähnt — diese Tricks nicht ganz erfolglos geblieben, wenn auch das Spiel der edlen Ritter aus dem Bojarenlande nicht so ganz gelungen ist, wie sie sich ihren Plan ausgeheckt haben. Trotz der Intervention nicht nur unseres Komitees, sondern auch der „Alliance Israelite Universelle** und des „Joint Committee" ist der sogenannte „Sabbathparapraph" ganz weggefallen; der „Schulparagraph" ist insofern Modalitäten unterlegen, als zwar die „ethnischen Minoritäten" berechtigt sind, eigene Schulen auf Staatskosten zu gründen, deren Verwaltung jedoch nicht den Minoritäten selbst, sondern dem Staate durch dessen Organe obliegt. Hingegen ist es der Politik Bratianus und seiner Genossen nicht geglückt, die Gleichberechtigung der Juden zu untergraben. Diese wird sonach allen jüdischen Bewohnern des Landes, die nicht eine andere Staatszugehörigkeit aufweisen, in vollem Maße und ohne jedwede Formalität gewährt. Dies alles