Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 445 (sequence 7)
- Language
- German
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_Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris 445 erachtete Louis Marshall seine Mission als erfüllt und kehrte nach seiner Heimat zurück. Die anderen amerikanischen Delegierten waren ihm um zwei bis drei Wochen vorausgeeilt. Vor seiner Abfahrt erachtete es noch das Komitee als notwendig, Marshall und Sokolow mit der Aufgabe eines diplomatischen Besuches bei Paderewski zu betrauen. Die Unterredung benutzten unsere Vertreter dazu, um dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten und Friedensdelegierten zur Unabhängigkeit Polens zu gratulieren, die Mitarbeit des jüdischen Volkes in Aussicht zu stellen und vor ihm wegen Popromgreuel Klage zu führen. Das Resultat dieser Unterredung war — außer beiderseitigen diplomatischen Redewendungen und Zusicherungen — ein Schreiben, das Paderewski vom Komitee erbeten hatte, um daran seine nächste Rede im Sejm im Punkte der Judenfrage anknüpfen zu können. Der Brief wurde geschrieben, die Rede blieb aus. Die letzte politische Tat Marshalls war die Erwirkung des Empfanges der ostgalizischen jüdischen Delegation durch eine der wichtigsten Kommissionen des Friedenskongresses, die „souscommission des affaires polonaises". Der Empfang fand im Festsaale am Quai d'Orsay unter Teilnahme von Repräsentanten der fünf Großmächte und unter Vorsitz des französischen Generals Lerond statt. Nach Einleitungsworten Marshalls entwickelte der Schreiber dieses Aufsatzes die Forderungen der jüdischen Bevölkerung Ostgaliziens, und dann wurden in mehr als einstündiger Konfererenz in Form von Frage und Antwort die Detailwünsche der jüdischen Bevölkerung in Ostgalizien behandelt. Die Vertreter der Entente erfuhren auf diese Weise aus erster Quelle von den Forderungen und der Bedeutung der jüdischen Nationalautonomie. Viel wichtiger aber ist die moralische Seite der Sache: der Umstand, daß durch die Einladung und Anhörung der Wortführer der jüdischen Nationalräte diesen vom maßgebenden Forum der Weltpolitik die Legitimation zuerkannt wurde, im Namen der jüdischen Bevölkerung aufzutreten und gleichzeitig die Legitimität der Sonderwünsche der jüdischen Bevölkerung in bezug auf die Regelung ihres Verhältnisses zur übrigen Landesbevölkerung ausgesprochen wurde. Wenn es nach der Abfahrt Marshalls für einen Moment scheinen konnte, daß die Arbeit des Komitees ihrem Ende zuneige, so bewies die Entwicklung der Tatsachen, daß dies nicht einmal der „Anfang vom Ende" war. Das Ringen um den Minoritätenschutz im Traktate mit Polen war für das „Comite des Delegations juives" sozusagen dessen „Sturm- und Drangperiode", aber nicht minder hart und anstrengend ward die darauffolgende Periode nüchterner Tagesarbeit, eine Arbeit, die Sokolow, der nun die Leitung der politischen Kommission mit der Leitung des Komitees vereinigte, mit besonderer Geschicklichkeit, glücklicherweise auch mit nicht zu unterschätzenden Erfolgen zu verrichten wußte. Die Wirksamkeit Sokolows ist um so höher einzuschätzen, als er seine Autorität und sein Prestige nur dem Charakter seiner jüdischen Person-