Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris
Date
1920-01-01
Page
442 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105907--4341-3105953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

442 Leon Reich: welche vor allem wenig Hoffnung auf das Zustandekommen einer Einigung setzten, prinzipiell aber auch einwandten, daß die jüdischen Vertreter nicht hergekommen seien, um politische und nationale Leichen zu galvanisieren. Unter dem Einflüsse und Vorsitz Marschalls kamen zwei gemeinsame Diskussionsabende zustande, die als Präludium einer Einigung dienen sollten. Im Saale des Konsistoriums in der Rue de la Victoire, geschmückt mit Bildern des „Synhedrions", dessen Mitglieder vor mehr als einem Jahrhundert auf Wunsch des französischen Weltbeherrschers feierlich die Nichtexistenz der jüdischen Nationalität bekundeten, wurden jetzt scharfe theoretische Kämpfe gegen die Verneiner der jüdischen Nationalität ausgefochten, um das Recht der Juden auf ihre Selbstbehauptung zur alleinigen Plattform gemeinsamer Arbeit für alle Repräsentanten des Judentums zu machen. Das Werk mißlang. Der einzige Erfolg dieser langwierigen Debatten war eine gemeinsame Kommission, die nach zwei Sitzungen sich als verfehlt erwies. Die national bewußten Vertreter blieben wieder auf sich selbst angewiesen und begnügten sich mit dem Versprechen ihrer prinzipiellen Gegner, unserem Komitee mit seinen jüdisch-nationalen Bestrebungen nicht in den Rücken zu fallen, welches Versprechen tatsächlich gehalten wurde. Für das Komitee aber begann seit diesem Moment ein Kapitel harter, alltäglicher Arbeit, Formell hatte fast jeder Delegierte seine Rolle in den oberwähnten vier Kommissionen zugewiesen, in Wirklichkeit aber — wie es naturgemäß nicht anders sein konnte —, griffen die einzelnen Ressorts ineinander. Die französische Öffentlichkeit erwies sich anfangs für jüdisch-nationale Postulate ganz unzugänglich und ohne jedwedes Verständnis. Angesichts der in der französischen Presse herrschenden Zustände gelang es mit Müh und Not einige Aufsätze in wenigen Blättern, darunter im „Eclair", „Humanite", „Lanterne", auch im „Temps" anzubringen. * Diese paar Artikel, sowie ein vom Schreiber dieser Zeilen redigiertes Sammelbuch: „Les droits nationaux des Juifs en Europe Orientale", ferner die Ansprachen am Meeting, veranstaltet auf unsere Initiative von der „Ligue des droits de Phomme" unter dem Vorsitz des alten Dreifußkämpfers, Fernand Buisson, mit der Tagesordnung: „Les droits des minorites ethniques": dies waren die einzigen Mittel, mit deren Hilfe das Komitee den Versuch unternahm, über das komplizierte Problem die französische Bevölkerung aufzuklären. Allerdings hätte dies ln praxi wenig genützt, wenn nicht rechtzeitig auch die jüdische „Diplomatie", das ist das diplomatische „Konferieren*1 mit den Vertretern der Großmächte, sowie den Repräsentanten der in Betracht kommenden Regierungen eingesetzt hätte. Im ersten Arbeitsstadium war der ganze Eifer darauf gerichtet, dem polnischen Friedensvertrage möglichst viel für die jüdische Minorität abzuringen, und in dieser Hinsicht gab es bald Momente höchster Ekstase und gespanntester Hoffnungen, bald wieder Momente dumpfer Zweifel und äußerster

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.