Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der Augenblick
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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438 Hans Kohn: Der Augenblick Judenheit ist vernichtet und die, die ihre Gelder zu retten verstanden haben, siedeln in Wien oder Berlin, in Paris oder London, aber nicht in Palästina. Das englische Judentum bringt nicht das Geld auf, seine traditionellen Wohltätigkeitsinstitutionen zu erhalten, das amerikanische ist müde und von einer scharfen wirtschaftlichen Krise bedroht, die die Zukunft unsicher macht. Aber es ist nicht nur kein Geld da, es sind auch keine Führer da, keine Menschen, keine Werkmeister. Man hat uns gesagt: Es ist die Zeit der Denker und Träumer vorbei, wir haben unser Ziel erreicht, nun beginnt die neue Ära praktischen, zielbewußten Werks. Wir haben aufgehorcht, wie gerne hätten wir geglaubt! Aber wir haben nur Worte gehört, die Worte geblieben sind. Und als die, die sie sprachen, die Hand auftun sollten, da war kein Geld darin, keine praktischen Führer, keine Pläne, keine Menschen, kein neuer Beginn. Alles blieb beim Alten, nur kläglicher durch die neuen Phrasen, nur hilfloser durch den Kontrast. Katastrophen brechen über uns herein. Feinde stürzen sich auf uns. Junges Werk in Palästina scheint zusammenbrechen zu müssen. Und in diesem Augenblicke sind wir schwach und unvorbereitet, das Volk erwidert auf unsere Appelle nicht, kleinliche Streitigkeiten zerreißen uns . .. Aber die Phrase wütet bei uns, und was manin den Kreisen der „Eingeweihten" zischelt, dringt nicht hinaus. Freunde, haltet ein! Noch ist Zeit zur Besinnung. Sagt dem Volke die ganze Wahrheit, zeigt ihm euren Ernst! Sonst zerstört ihr, was noch zu retten wäre. Wir waren nicht vorbereitet. Wir sind es heute noch nicht. Wir haben erst die Grundlagen zu legen. Die neue Zeit ist noch nicht da. Gehen wir an die Arbeit ihrer Bereitung! Wecken wir das Volk, klären wir es auf. Sammeln wir die, die neuen Lebens fähig sind. Machen wir Ernst mit den großen Worten, die wir gesprochen" haben und die ein neues Ziel klar vor Augen setzen werden. Sprechen wir nicht von „praktischen Dingen" und „geschäftlichen Prinzipien". Gerade dieses würde ein Bauen im Traumland amerikanischer Phantasie bedeuten. Denn für „geschäftliche Prinzipien" wird noch auf Jahre hinaus kein Platz in Palästina sein. Unsere Besitzenden werden es vorziehen, in Paris oder in Amerika ihre Kapitalien anzulegen. Nur der Wille des jüdischen Volkes vermag hier zu schaffen. Ihn gilt es zu wecken. Er kann aber nicht geweckt werden durch leere Phrasen, die einen Rausch erzeugen, dem nur der dumpfe Katzenjammer folgen kann. Er wird nicht geweckt durch praktische Berechnungen, aber er kann in den Zukunftsstarken erstehen, wenn wir ihnen ein klares Bild von einer neuen Ordnung in Palästina geben. Wir müssen den Mut haben, auch scheinbar unpraktische Dinge zu bejahen, wir müssen den Mut haben, Halbheiten auszuweichen. Ich bin kein Pessimist. Ich rufe nicht zur Ergebung und zur Trauer. Ich fürchte aber, daß euer Tun dorthin führen wird. Ich habe Vertrauen zu den Kräften in uns. Aber um sie zu entbinden, müssen wir den Festesjubel durch