Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der Augenblick
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 439 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leon Reich: Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris 439 mißliebige Worte stören. Wo sind die Einzelnen, denen in tiefer Liebe zu ihrem Volke und zu seiner Wiedergeburt die Vernunft die Phrase durchbricht und die sich der Massensuggestion entziehen? Warum schweigen sie? Ihre Sammlung ist noch nicht an der Zeit, mögen sie Einzelne bleiben, aber mögen sie immer wieder ihre Stimme erheben und sagen: Die neue Zeit ist noch nicht gekommen. Der Geist des jüdischen Volkes ist noch nicht bereitet. Jahre harter Arbeit am Volke und an uns liegen noch vor uns. Ihr seid in Gefahr, mit euren Schlagworten und Phrasen, mit eurer Praktikerei und Zufriedenheit das einzige zu ertöten, was neues Leben geben kann: die Bewegung. Ihr werdet nicht einmal mehr eine Organisation haben, geschweige denn ein Volk hinter euch, denn beide leben von der Bewegung, die sie erfüllt. Ich weiß nicht, ob jemals die Zeit kommt, wo die Denker und Träumer werden abtreten können, heute ist sie noch nicht da. Der Augenblick ist ernst. Aber ich zweifle nicht, daß wir — und sei es nach einer schweren Krise — gestärkt aus ihm hervorgehen werden. Die Grundlagen des Zionismus aber werden die gleichen bleiben: Wille, Glaube, Erziehung des Volkes zu neuem Leben. LEON REICH/DAS KOMITEE DER JÜDISCHEN DELEGATIONEN IN PARIS Die Umstände, unter denen die Arbeit des Komitees der jüdischen Delegationen inauguriert wurde, bezeugen am besten, wie sehr bis dahin die Politik des jüdischen Volkes unpolitisch, oder besser gesagt — ohne Politik geführt wurde. Denn das Hauptsächlichste an jeder Politik ist das Ziel und der Weg; das „Was", wonach gestrebt wird, und das „Wie", das die Richte linie des Strebens vorzeichnet. Im politischen Wörterbuch heißt man diese zwei Elemente: Programm und Taktik. Erst beide zusammen geben die Garantie einer geradlinigen und weitsichtigen politischen Arbeit. Ohne das eine oder das andere kann es wohl hie und da zufolge glücklicher Konjunkturen momentane Erfolge, aber, nie ein regelrechtes System, politischer Tätigkeit geben. Nun! kann erst seit dem Moment, da die jüdische Delegation in Paris daran ging, ein Programm zu entwerfen und Wege zu suchen, um die Leiter der Friedenskonferenz für die einzelnen Programmpunkte zu gewinnen, von einer jüdischen Politik gesprochen werden. Das Inkrafttreten allein dieser Delegation entspringt noch keinem politischen Willen, sondern ist viel eher dem Zufall, richtiger: einer Kette von Zufälligkeiten und Geschehnissen zu verdanken/denen wohl der Willenstrieb der jüdischen Massen sich anpaßte, stark genug, um aus den Ereignissen Kapital zu schlagen, aber nicht mächtig