Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der Augenblick
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 437 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HANS KOHN / DER ÄUGENBLICK Das Schicksal des jüdischen Volkes steht in einer Krise. Trügerische Worte umhüllen es und spiegeln ihm Luftschlösser vor in einem Augenblicke, da es völlig am Boden liegt und nicht die Kraft findet sich zu erheben. Man hat von einer neuen Zeit gesprochen und in die Fanfaren gestoßen. Der Taumel der anderen hat uns angesteckt und gleich ihnen uns glauben gemacht, daß irgendwo mit einem Zauberschlage eine neue Welt entstanden sei. Nun gelte es, sich in dieser niederzulassen. Das Werk sei in seinen Grundzügen getan, die Zeit des Denkens und Träumens beschlossen; die praktischen Männer müßten nun vor und auf dem sichern, schon gelegten Grunde bauen. Die'Ernüchterung ergreift alle Welt. Man beginnt zu sehen, daß keine neue Zeit begonnen hat. Das Alte lebt fort und es ist durch die Jahre des Wahnsinns und des Blutes, die dazwischen liegen, nicht ehrwürdiger geworden. Die Grundlagen sind nicht gelegt, die scheinbare Sicherheit wankt. Und während alles zu vergehen droht, steht das Volk in teilnahmsloser Trägheit, in dumpfer Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit daneben. Die Ernüchterung ergreift auch uns. Wir beginnen den Mut zu fassen, der nackten Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wir werden den Mut haben, sie auszusprechen. Wir werden nicht mehr der lockenden Illusion nachlaufen. Man wird uns „Defaitisten" nennen, aber wir wissen, daß wir es sind, die den endgültigen Sieg vorbereiten. Wir sehen uns in diesem „großen" Augenblicke, in dem Jahre, da mit der Entscheidung von San Remo „eine neue Ära des Zionismus", seine „Überleitung von Sehnsuchtstraum zu praktischer Wirklichkeit" begonnen hat, so schwach wie vielleicht noch nie. Wir bauen auf äußere Verhältnisse, die flüchtig sind wie Sand, wir verlassen uns auf politische Launen des Augenblicks. Welch kindliches Spiel mit dem Mandat, welch fetischartiges Vertrauen auf papierene Verträge! Die Wirklichkeit kann sie morgen umstoßen. In diesen Zeiten gibt es nur das Vertrauen zur eigenen innern Kraft. Hätten wir die, wären uns alle Mandate gleichgültig. Aber wir haben sie nicht. Ein großer Teil der einflußreichen jüdischen Kreise steht dem Zionismus ablehnend gegenüber, die große Masse und auch die Jugend ist gleichgültig, oder durch unbeschreibliche Katastrophen am Rande der Lebensfähigkeit. Das als reich verschriene jüdische Volk hat kein Geld: tropfenweise muß es erpreßt werden. Der ökonomische Wohlstand der ost- und mitteleuropäischen Heft 8/9. 29