Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Ein neues Besiedlungsschema für Palästina
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 351 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105809--0504-3105898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Daten und Materialien 351 Hinweis auf die Billigkeit der Überfahrt von Odessa nach Palästina im Vergleiche mit der Reise nach Amerika ist nicht dazu angetan, den Kapitalbedarf für eine so großzügige Auswanderung und Kolonisation, wie sie sich Ballod denkt, in irgendwie fühlbarer Weise zu verringern. Indem Ballod für den Bodenkauf 300—350 Millionen Mark und einerseits für die Großkultur'' einen Kostenanschlag von 750 Millionen Mark, andererseits für die Ansiedlung von 1,2 Millionen Familien 2000 Millionen Mark (a 1000 Mark für je einen Hektar Garten und je ein Haus) einsetzt, kommt er auf die Gesamtziffer des Kapitalbedarfes von 3V2 Milliarden Mark für die Ansiedlung von 6 Millionen Menschen. Würde man bald nach dem Kriege die Möglichkeit haben, Palästinas Ebenen und Berge mit einer neuen landwirtschaftlichen Bevölkerung zu besiedeln, so würde man für diese Aufgabe sicherlich viel größere finanzielle Mittel als 3V2 Milliarden Mark nötig haben. Bereits für den Bodenkauf werden 300—350 Millionen Mark kaum genügen, wenn auch alle günstigen Umstände, die Ballod voraussetzt, eint reifen sollten, wie die Überweisung der Staatsländereien, Pachtung der Vakufgüter und die Möglichkeit zur Erwerbung von 80—85% des in den Händen der Großbesitzer gegenwärtig befindlichen Grund und Bodens zu landesüblichen Durchschnittspreisen. Werden ferner 400 Millionen für die Bewässarung vielleicht ausreichen, da die zu berieselnden Flächen kleiner als nach Ballod sind, dafür aber die Anlagekosten pro Hektar viel höher sein werden, so wird gewiß die Summe von 350 Millionen Mark für die Einrichtung von Wirtschaften in den Ebenen lange nicht genügen. Denn anstatt tausend Großbetriebe mit elektrischen Pflügen und dergleichen herzustellen, werden wohl in den Ebenen unzählige kleine und mittlere Betriebe auszubauen sein. Es werden sich da, gemäß den natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen Palästinas und in Anpassang an die so mannigfaltigen Bedingungen des jeweiligen Standortes, die verschiedensten Betriebstypen entwickeln. Parallel mit solchen Wirtschaften, in denen hauptsächlich jenseits des Jordans ein rationeller Getreidebau im engsten Zusammenhange mit intensiver Viehzucht auf, wollen ^ir sagen, durchschnittlich 15—20 ha betrieben werden wird, wird eine Menge von Ansiedlern auf etwa je 8—10 ha-Betriebe mit stark überwiegender Milchwirtschaft in Galiläa und Samaria einrichten können. Andere Ansiedler werden ein Übergewicht unbewässerten Baumpflanzungen auf Flächen von 6—7 ha geben, ohne die Viehhaltung für die Milchgewinnung dabei zu vernachlässigen. Wo die Irrigation und sonstige Bedingungen für die Schaffung von bewässerten Baumkulturen besonders verlockend sein werden, da wird der Typus des Besitzers bewässerter Plantagen von einigen Hektaren an seinem richtigen Platze sein. Noch ein anderer Typus wird sich dort entwickeln, wo eine starke Nachfrage seitens einer dienten Bevölkerung, sowie künftige Transportverbesserungen den Gemüsegärtnern ein schönes Auskommen bei dem Anbau von ein paar Hektaren bewässerbaren Bodens verschaffen werden. Eine Unmenge von Familien endlich werden Übergangstypen zu diesen hier kurz skizzierten Wirtschaftstypen ins Leben rufen. So z. B. werden Halbbauernbetriebe Arbeiterfamilien angehören, die in nächster Nähe Verdienstmöglichkeiten finden und dabei ihr Jahresbudget durch die Einkünfte aus einer kleinen Wirtschaft von etwa einem halben Hektar bewässerbaren oder von ein paar Hektar unbewässerbaren Bodens ergänzen werden. Eine ganze Stufenleiter von Betriebstypen wird sich da ergeben und gar keine Einförmigkeit. Ballod läßt ferner die gesamte neue Bevölkerung im Gebirgslande mit Baumpflanzungen sich abgeben. Wenn wir uns nicht die Gesamtheit von 6 Millionen Menschen, wie Ballod es zu tun scheint, sondern bloß etwa ein Viertel, d. i. 1V2 Millionen, als eine Landwirtschaft treibende Bevölkerung vorstellen, so erhalten wir bereits ein Verhältnis des Umfanges der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zur übrigen, welches zwischen den für Belgien und Holland oder die Schweiz gültigen Zahlen liegen wird. In Belgien war nämlich das Prozentverhältnis der in der Landwirtschaft Tätigen zur Gesamtzahl der Bevölkerung im Jahre 1900 — 21,1%, in Holland im Jahre 1899 — 30,7%, in der Schweiz im Jahre 1900 — 30,9%. Im Deutschen Reiche war im Jahre 1907 dieses Verhältnis — 35,2%. Mit der Annahme von 25% für das jüdische Volk, von welchem in Rußland gegenwärtig 3V2— 4% der dortigen jüdischen Bevölkerung in landwirtschaftlichen Berufsarten eine Erwerbsquelle finden, und von welchem in Palästina vor dem Kriege etwa 12% der jüdischen Einwohnerschaft von der Landwirtschaft sich ernährten, stellen wir wohl ein Verhältnis auf, welches vom Standpunkte einer erwünschten normalen Umschichtung der Berufe volle Befriedigung uns zu verleihen imstande sein wird. Nun stellen anderthalb Millionen landwirtschaftlicher Bevölkerung 300000 Familien und eben-