Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Ein neues Besiedlungsschema für Palästina
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 349 (sequence 4)
- Language
- German
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Daten und Materialien 349 liehe Kost eingenommen werden kann und muß, als in Europa, für die Erzeugung von Futtermitteln, welche in Fleisch umgewandelt sein werden, eine viel geringere Fläche (etwa ein Viertel oder ein Drittel) im Vergleiche zu der Ballodschen genügen, um mehrere Millionen Einwohner mit Fleischnahrung nach einer den Landesverhältnissen entsprechenden Norm zu versorgen. Übrigens brauchen wir ja uns kaum auf den rigorosen Standpunkt des „isolierten Staates* * zu stellen, den Ballod offenbar unter der Einwirkung gegenwärtiger kriegerischer Zustände einnimmt; Palästina ist seiner Lage nach zu einer Autarkie nicht geeignet, auch wenn seine Klima- und Boden-Verhältnisse die Erzeugung von allen Nahrungsmitteln und sonstigen wichtigen Bedarfsartikeln, wie die Baumwollfaser, zulassen. Es ist ja auch zu hoffen, daß die geschichtliche Entwicklung der Menschheit nicht das Abschließen jedes einzelnen kleinen Produktionsgebietes bedingen und Gegenden mit ganz speziellen Kulturverhältnissen zur Unmöglichkeit einer vollen Ausnützung derselben verurteilen wird. Von diesem Standpunkte aus wird es von geringer Wichtigkeit sein, ob in Palästina selbst für die Versorgung seiner Bevölkerung Baumwolle und Zucker, für die Ballod bereits ganz bestimmte Flächen festsetzt — io 000 ha für Baumwolle und 20— 30000 ha für Zuckerrohr — gebaut sein werden oder nicht. Diese Kulturen werden in Palästina eine gewisse Ausdehnung in der Zukunft erlangen, nicht so sehr infolge des Bedarfes der eigenen Bevölkerung, sondern vielmehr nach Maßgabe der Rentabilität, die durch die jeweiligen Weltmarktpreise, die Produktionskosten, die Höhe der in Palästina im Vergleich mit anderen ähnlichen Gegenden zu erzielenden Ernteerträge usw., bedingt sein wird. Vielleicht werden, anstatt Baumwolle und Zuckerrohr, Pflanzungskulturen, die ähnliche Bedingungen in bezug auf Klima und Bewässerung voraussetzen, wie z. B. Bananen, vorgezogen werden. Vom Anbau von Reis, für den Ballod volle 5o 000 ha bewässerbaren Bodens veranschlagt, wird man schon deswegen Abstand nehmen, weil diese Kultur eine derartige Berieselung ^'fordert, die die Gefahr der Verbreitung der Malaria stark vergrößert. Andererseits werden auch bei der intensivsten Anwendung aller ^tonischen Hilfsmittel für die Beschaffung von 7 asser, die für Reis nötigen Mengen Wassers sich nicht vorfinden, es sei denn, daß andere Kulturen auf Kosten des Reisanbaues leiden. Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln dürfte dagegen in höherem Grade als nach Ballod mit der Möglichkeit rechnen, viel größere Quantitäten Milch (im Ostjördanlande allein etwa 1800 Millionen Liter, anstatt 1200), Gemüse und manche nährstoffreiche Früchte zu produzieren» Die Reduzierung der Fleischproduktion und des Fleischverbrauches, die von Ballod, wie oben erwähnt, viel zu hoch bemessen sind, kann einen in jeder Hinsicht günstigen Ersatz in einer desto stärkeren Entwicklung der Garten- und Feldgemüse-Kulturen finden. Die gartenmäßige Kultur wird nicht nur im Gebirge, wie Ballod voraussetzt, sondern auch in Ebenen und Tälern eine bedeutend größere Anwendung haben. Wir kommen nun zur Besprechung einer anderen, von ihm aufgestellten Hauptbedingung der Möglichkeit einer dichten Bevölkerung in Palästina. Er stellt nämlich nicht nur für das Gebirge, sondern auch für die Ebenen und Täler „den technisch hochstehenden Großbetrieb als Voraussetzung für eine rationelle Ersparnis an Menschenkraft, für eine höchstmögliche Ausnützung der Nahrungsfläche** auf. An dieser Annahme wäre manches auszusetzen. Zunächst haben bedeutende Forscher auf Grund genauer vergleichender Ermittlungen festgestellt, daß auf gleichen Bodenflächen Kleinbetriebe höhere Erträge an pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln ergeben, als dies im Großbetrieb unter Anwendung der vollkommensten technischen Hilfsmittel möglich ist.*) Die sorgfältige Pflege und aufmerksame, liebevolle Behandlung von Pflanzen, Nutzvieh und Geflügel, wie dies in den Verhältnissen kleiner und mittlerer Wirtschaften im höchsten denkbaren Grade ausführbar ist, können auf großen Domänen, auch bei der vollkommensten Technik und Organisation, nicht zum Ausdrucke kommen. Die Tendenzen des „Small holding" in England, der „inneren Kolonisation** in Deutschland, mancher Maßnahmen und Entwürfe in Rußland beruhen alle auf der Einsicht von der Überlegenheit des bäuerlichen Kleinbetriebes im Vergleich zum Großbetrieb gerade auch in bezug auf die mögliche Produktionshöhe pro Flächeninhalt. In keinem einzigen Lande, wo Kolonisation betrieben wird(Deutschland, Rußland, England, die skandinavischen Länder, Kanada, die Vereinigten Staaten, Argentinien, Brasilien, Neuseeland usw.) werden Großbetriebe eingeführt. Überall handelt es sich gegenwärtig nur um den einzigen Weg *) Vgl. z. B. „Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Groß- und Kleinbetrieb in der Landwirtschaft1 * von Dr. E. Keuß und R. Mührer. Berlin 1913, I—XXX und 1—414.