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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 338

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-08-01
Page
338 (sequence 13)
Language
German
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333 Arno Nadel: wer dich ertränkt hat, wird selbst ertränkt werden," so sprach ein Talmudweiser zu einem Schädel, den er auf einem Strome treiben sah. So war es und so bleibt es. In einer Welt, die morden will, wird zur Rache wieder gemordet, in einer Welt, in der die trüben Instinkte herrschen, ist ein kleiner Krieg, ist ein großer Krieg möglich. Krieg ist, wo Krieg ist. Wann werden die messianischen Tage kommen, in denen das Ertränken, das Morden, und die sonstige ganze Hölle mit allem Heulen und Zähneklappern unter Menschen zur Unmöglichkeit geworden sein wird? Die Schul ist aus, man geht nach Hause. Man setzt sich zum Essen, man ißt Kreppchen und Homentaschen. Die Homentaschen waren die Spezialspeise dieses Abends, — dreieckige Kuchen mit schwarzem süßen Mohn gefüllt. Dreieckig — weil Haman einen dreieckigen Hut getragen *hat, so sagte man uns. Nach dem Essen kamen und gingen die Schalach-Mones-Träger mit überdeckten Tellern, die mit allerlei Naschzeug angefüllt waren. Der Abend hörte noch lange nicht auf, denn nun kamen, angekündigt von einem Dutzend Jungen und Mädchen, die Purimspieler: Achaschwerosch, der gewaltige König mit Zepter und Krone und mit einer grellen Königsmaske, die ein langer, straffer Schnurrbart zierte. So sah einer aus, der zu befehlen hatte und nicht anders. Neben ihm ging Haman, mit wilden roten Locken und mit einem silbernen breiten Schwert, der zum Schlachten bereit war. Und zart bescheiden hinter ihnen standen Mardechai und Esther. Mardechai mit langem, schwarzem, edlem Bart und Ester, die schöne Ester, in einem vielfarbenen Possenkleid, wie sie schlechte Damenkomiker tragen. Auch Ester war selbstverständlich ein Mann, aber reizend sah sie dennoch aus, denn man suchte sich zu solchen zarten Verkörperungen die schönsten Bocherim13) aus. Sie trug langes Haar bis herab zu den Knien und keine Maske, und sie zierte sich in der ganzen Haltung. Sie bewegte sich in der Taille, um zu zeigen, wie elegant sie sei, und drehte die Augen nach den Herren und warf ihnen Kußhände zu. Und was spielten diese Spieler? So ungefähr das, was in unserem Purimspiel enthalten ist. Wer fragte danach, was sie spielten und sangen? Alles war himmlisch und märchenhaft und über alle Vollkommenheit vollkommen. Wir Kinder liefen mit den Purimspielern mit und hörten dasselbe wohl zehnmal. Die Purimspieler aber hatten einen guten Abend. — Das uns vorliegende Fragment ist offenbar sehr alt. Das ist an der ganzen Diktion zu merken. Die kleinen epischen Einschiebungen sind wie die Mitteilungen des Evangelisten in den Passionen zu denken. Die nicht im biblischen Buche enthaltenen Wendungen und Ausführungen der Erzählung sind zum Teil Volksphantasien und zum Teil midraschischen Ursprungs. Ins einzelne auf die Dinge einzugehen, lohnt nicht, weil das Ganze nur geringen Kunstwert hat, weit geringeren beispielsweise als die Hannah-Ballade. Sie erinnern manchmal an die alten Fastnachtsspiele wie überhaupt an alle erste primitive Dramatik, mit allem häßlichen Geschimpfe und mit aller unmotivierten Unmittelbarkeit der Geschehnisse. Eins aber spricht aus allem: das ist die lebendige, völlig „unhistorische'* Auffassung der biblischen Darstellung. Wohl könnte man mit Recht solche Auffassung durch die Begrenztheit der Verhältnisse erklären und auf ähnliche Fälle hinweisen. Bei den Juden aber hat diese Tatsache noch ihre ganz besonderen Gründe. Die Juden sind an sich wenig historisch veranlagt, ihr Sinn ist zu lebendig, zu gegenwärtig. Was geschah, geschieht noch immer, ist ihnen konkretes Symbol. Die Feste z. B. sind ihnen Verwirklichunl) Bachurim: talmudstudierende junge Leute.

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