Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 339 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 339 gen und Erneuerungen, nicht eigentliche Gedächtnistage. Jetzt führt Moses die Israeliten übers Meer, jetzt geht der Todesengel an den Häusern der Juden schonend vorüber, — auch in der heutigen Pessachnacht wird uns nichts geschehen, sie ist „Lei schimurim", eine behütete Nacht, wie damals, — auch heute wird kein Haman sie zu vernichten vermögen, auch heute leben sie in der gesegneten Hütte wie in der Wüste, — die Zeiten schieben sich wie durch ein Wunder ineinander und werden zur Zeit schlechthin. Das ist etwas absolut Jüdisches. Und darin liegt ein tiefes Mysterium verborgen: die Gegenwärtigkeit der göttlichen Tat, ja des göttlichen Wesens ruht im Juden mehr vielleicht als in irgend einem andern metaphysischen Volke. Daher die seltene, unmittelbare, geistestreibende Ausstrahlung der Judenheit zu allen Zeiten. Daher auch die ewige Judenfrage. Sie ist nichts anderes als das ewige Judenrätsel. — Zur dritten Zeile der IV. Szene bemerkt die Einsenderin des Liedes: Oben (in II.) schilt sie den König einen Stallmeister, hier aber, da sie seiner Gnade bedarf, nennt sie ihn schon einen geborenen König. — Die beiden letzten Zeilen von IV. hält Pryluzki für einen epischen Zusatz der Schauspieler und nicht für Worte der Königin. Ich bin nicht dieser Meinung. Ich halte diese Zeilen wohl für Schlußworte der Waschti, und sie bedeuten das, was die Übertragung angibt, obgleich das „und" der letzten Zeile problematisch ist. ,,Gute Nacht" sagen nicht die Purimspieler, — aus welchem Grunde sollten sie sich plötzlich, mitten im Spiel, verabschieden? Im Sinne solcher Schaustücke ist es weit eher, daß die Königin (die an die Aufhebung ihrer Verurteilung nicht recht glaubt, so daß sie sich bereits ihre Hinrichtung ebenso anschaulich wie furchterregend vergegenwärtigt) von der Welt sich sentimental mit „Gute Nacht" wegwendet. — Bei aller Verkleinerung der Vorgänge — die Vorgänge wirken wie die uralten halbkomischen Hagadabilder und wie die naiven Daxstellungen biblischer Erzählungen bei den besseren oder schlechteren Kunsthandwerkern des 16. und 17. Jahrhunderts —■ ist manche Wendung literarisch bemerkenswert, so vor allem die Klage der Waschti, die in ihrer Ursprünglichkeit für das hohe Alter des Spieles am meisten Zeugnis ablegt. Berlin Arno Nadel