Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 336 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Vashti 1× ep/1007377
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33^ Arno Nadel: Fühlen und Sinnen lebte. Wir aber stehen zwischen jenen und neuen Tagen. Was sind hundert Jahre für — die Zeit? Wir wollen eine neue Vollkommenheit, ein neues ruhendes Wesen. Möchten alle, die ihr Teil zu diesem Neuen beizutragen haben, mit starkem Gewissen das ihrige hergeben, daß sie „bald in unsern Tagen" sich vollziehe. Aber warum denke ich an dieses alles — vor unserm Purim-Spiel? Weil ich das Leben um unsere alte Synagoge an der grünen Brücke malen wollte. Und das Leben der Häuser, in denen solche Purim-Spiele aufgeführt wurden. Was war das für ein populäres, lustiges Fest, dieses Purimf est! Auf den umliegenden Straßen waren im Nu Bazare errichtet, nur für Süßigkeiten, die man für Schalach-Mones6) brauchte. Süßigkeiten aus schrecklichem buntem Zucker, aber auch welche, die sehr gut schmeckten. Da war denn schon drei Tage vor Purim eine herrliche Lebendigkeit in Straße und Haus. Man kaufte und naschte den ganzen Tag, und die Eltern schalten: Es soll doch zu Purim bleiben. Aber wer denkt an Purim, wenn man süße kleine Figuren in der Hand hat, die, wenn sie zerbrechen, eine süße köstliche Flüssigkeit ergießen. Natürlich zerbrechen die Figürchen, und man hastet die nassen Dinger in den Mund, über die Kleider. Das gibt einen Skandal, wenn man nach Hause kommt! — Endlich ist Taanis-Esther7), die halbwüchsige Jugend fastet wie zum Scherz mit, und endlich ist M'-gille-Abend.8) Man putzt sich, man geht nach Schul. Man betet wie jeden Abend, was geht heute jemand das Gebet an? Man wartet auf die M'-gille. Besonders die Jugend und all die Leute, die bei einer scheinbaren Ehrbarkeit jung geblieben sind. Was ist denn heute los, was soll denn heute geschehen, wenn die M'gille gelesen wird? Das werdet ihr schon sehen, das werdet ihr schon hören, — wenn zum ersten Mal der Name Haman erwähnt wird. Man geht auf die Bimeh9), der Vorsteher und der Kantor, —■ dieser arme Mann! Es ist ihm angst und bange heute. Er will und wird die M'gille mit schöner Stimme und mit besonders schöner Ausnutzung der N'ginaus10) vortragen, wenn nur nicht die bösen Jungen wären. Ja, die Jungen, — die stehen schon frech da und halten „Schraier" in den Händen. Jungen, Mädchen, vom dritten bis zum dreizehnten Lebensjahre, alle stehen sie da, jeder bei seinem Angehörigen, und warten mit entzückter Wut auf den Namen Haman, um alsdann endlich einen niedagewesenen Spektakel zu vollführen. Der Rebbe im Winkel am „Almemer"11) sieht das und will's nicht sehen, und ebenso die Balebatim. Denn jedes Jahr nach der M'gille wird besprochen und beschlossen, daß man mit dieser Unsitte endlich aufhöre und daß man die „Schraier" verbiete. (Das sind Instrumente, die aus Holz oder Blech gemacht sind, und die mit einem scharfen Zahnrädchen versehen sind, — kurz, es sind die furchtbarsten Musikwerkzeuge, die denkbar sind, und die imstande sind, einem ehrlichen Menschen das Gehör und das Leben zu zerstören. In Berlin nennt man sie „Knarre".) Aber der Name des Verleumders Haman wird erst im dritten Kapitel zum erstenmal genannt, und so probierten wir unsere Schraier schon beim Namen M'muchan, das ist der eine der sieben weisen Fürsten, der vorsichtigerweise den Tod der schamhaften Waschti anrät, damit fernerhin „alle Frauen den gehörigen Respekt erweisen ihren Männern von klein bis groß." Wir Burschen empfanden 6) Schauleach monaus — Die Sendung von Geschenken, eine alte, Purimsitte die auf ein Wort des Buches Ester zurückgeht. 7) Fasten Ester. 8) M'gillah: Rolle, hier das Buch Ester. 9) Eingefaßte Erhöhung, gewöhnlich in der Mitte der Synagoge. 10) Tonwerte für die melodische Rezitation. u) Vorbeterpult.