Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 335 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 335 Junge. Was sagt Raschi zu b'dauraussow?" — Gut, gut — und die Großmutter strahlt über ihren Mufleg4) und denkt: Mit dem müßt ihr anfangen. Sie sitzt schon an ihrem eigenen kleinen Tisch und hat ihre T'chineh6) aufgeschlagen. Auch die Herren nehmen am langen Tische Platz. Man lernt. Man betet nicht, man lernt wirklich. Irgend einen Thora-Kommentar oder ein Stück Talmud. Ich sitze an der Seite meines Großvaters und höre mit tiefem Stolz den gelehrten Auseinandersetzungen zu. Wenn es irgend einen Bibelvers oder ein Gebet gilt, werde ich gefragt wie ein Erwachsener. So geht es eine gute Stunde etwa. Nun schlägt man die Bücher zu und man sagt Kaddisch, — das bekannte Trauergebet. Ja — ein Trauergebet, ein Gebet, das vor allem um Tote, zu deren Gedächtnis gesprochen wird, aber auch einen Teil des Gebetes überhaupt bildet. Denn es enthält nichts von Tod und Leiden, sondern ist eine erhabene Lobpreisung Gottes, der ,,die Welt nach seinem Willen geschaffen hat," und ,,der sein Reich herbeiführen möge, bei eurem Leben und in euren Tagen und beim Leben des ganzen Hauses Israel, bald und in naher Zeit." Sollte man etwa um Tote trauern, wenn man das Gotteswalten kennt? Sollte man des Lebens jubeln und frohlocken, wenn man in Gesundheit zu Gott emporschaut? Danken soll man vielmehr immer und allüberall und in Demut und Ernst der letzten Weisheit gedenken, die über Tod und Leben herrscht und richtet, und die allein das Letzte weiß und vollendet. „W'jamlich malchusseh," „und es regiere dein Reich," das ist der Sinn der irdischen Dinge, was ginge darüber? Und dieses eben ist der Ernst des Gebetes, das die Alten am Tische meines schönen Großvaters sprechen. „Omen, j'he schme rabboh", Amen, es sei sein mannigfaltiger Name gepriesen für ewig und in alle Ewigkeit, rufen sie mit inbrünstiger Begeisterung, und ich rufe im jugendlich schwerblütigen Bewußtsein alles dessen, was geschieht, mit. Was aber sind das für Leute, diese einfachen Alten, die um diese großen Sachen so gut Bescheid wissen? Das sind keine Weisen, keine auserlesenen Gelehrten, das sind tatsächlich nur würdige, anspruchslose Leute, meistens Handwerker oder Kaufleute, die das alles etwa nicht so wissen, wie wir es jetzt in ihrem Herzen sehen, die das alles aber dennoch wissen und atr^en, —■ ihre Seelen wissen es, ihre Seelen atmen es, sie tragen die Frömmigkeit von Jahrtausenden in sich, und dieses ist es, was sie heilig und wesenhaft macht. — Jetzt aber nach dem Kaddisch kommt das Schönste. Die Großmutter hat sich bereits erhoben und ist zum ungeheuren Kachelofen gegangen. Da, in einer unendlichen Luke, steht, weiß Gott wie lange, ein großes blankes Tongefäß mit kochendem Tee, weiß Gott, auf welchem Wege das zubereitet ist, es steht fertig da zum Eingießen. Und nun geht sie zum Schrank mit den vielen kleinen gekrümmten Scheiben und nimmt die Gläser heraus. Welche Gläser! Die grünen natürlich. Ach, diese grünen Gläser, die an jedem Sabbathmorgen den Balebatim vorgesetzt wurden, — wenn ich heute, in den Tagen der Menschen, die vor Sehnsucht nach natürlichen Gegenständen und Gefühlen ins Extrem, in „gemachte" Gefühle verfallen und gemachte Gegenstände herstellen, die nach Großmutterzeit riechen, die aber in Wahrheit falsch und fremd sind, wenn ich heute so ein nachgeahmtes grünes Glas sehe, da denke ich mit geheimnisvollem Verlangen an jenes grüne Geschirr, an jene Frühzeit, an jene Sabbathe. Ja, das war in ihrer Art eine wahrhaft vollkommene Zeit, eine in sich ruhende Zeit, die wußte und glaubte und ihr Leben ohrje Klage und ohne Übermut in ganzem *) Gelehrter. 5) Frauen-Gebetbuch.