Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-08-01
Page
334 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105804--0479-3105881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

334 Arno Nadel: Ester, lieb Ester, was ist dein Begehr? Näher zu mir, tritt näher, näher. Geht es ja doch um mein Leben: Die Krone vom Haupt will ich dir geben! Ester: Ach, ach, ach, in meinem Herzen brennt es wie Flammen Feuer, Der König Ahaschwerosch ist mir doch sehr teuer, Mardechai läßt mir sagen, du sollst nicht essen das Essen, das man dir wird geben, Es könnte, Gott behüte, ein Unglück geschehn mit deinem Leben» VII. Die schöne Ester hat angetan die Geschmeide, die echten, Sie hat ihre Wangen gefärbt, daß sie rot sein möchten, Und hat sich gestellt vor des Königs Tür, — Hat er ausgestreckt das Zepter nach ihr. Ahaschwerosch: Ester, lieb Ester, was ist dein Begehr, Näher zu mir, tritt näher, näher! Ester: Ich tu vor den großen König treten, Ich will dich mit Haman auf mein Gelage bitten . . . --■ —1---■ —•----(Fragment). Pryluzki No. 77. — Ein Purim-Spiel — wieviele liebe, eigenartige Bilder steigen da herauf! Ich sehe eine alte Synagoge vor mir, die alte Schul an der „Grünen Brücke" in Wilna. Auf dem langen Hofe, der wie die Gasse eines kleinen Städtchens belebt ist, wohnt mein Großvater, ein schlichter, edler Greis mit mächtigem weißen Bart. Ich verbrachte ein Jahr in dessen Haus, als ich etwa zehn zählte. O, was waren das für selige junge Zeiten! Es sind seither nicht dreißig Jahre vergangen, nein, tausend Jahre sind vergangen, denn nun schreibe ich über ein Purim-Spiel wie ein Fremder. Was geht mich noch dieses Purim-Spiel an? Nicht das ist's, das mich bewegt, sondern die ganze heilige einfache Luft und Lust jener Zeiten ist es. Ich sehe mich in der großen Stube meiner Großeltern an einem Winter-Sabbathmorgen, vor dem Beten. Ich möchte noch schlafen, es ist sechs Uhr, und draußen ist es noch stockfinster. Aber innen, im gemütlichen Raum ist es hell, die ganze Nacht über hat die Lampe gebrannt, und Petroleum ist noch im bauschigen Behälter für drei oder vier Stunden. Die Großeltern sind auf und treiben mich zum rascheren Anziehen an: die Balebatim kommen! Die Balebatim sind ältere Leute, die vor dem eigentlichen Sabbathgottesdienst in dem Hause eines angesehenen Baal-habajis1) zusammenkommen, um zu „lernen". Jetzt kommen sie. Feine, liebe Männer mit Streimele2) und Hut. „Gut Schabbes" — man winkt der Großmutter freundlich zu, da es zu modisch und zu viel wäre, ihr die Hand zu reichen. Man begrüßt mich auch, gewöhnlich mit einer Frage: „Nun, Junge, wos far a Ssedre8) geht faaint?" — „Wos far a Haftoire?" — „Nauach." — „Gut, mein *) Hausherr. 2) Käppchen. s) Wochenabschnitt der Thora, der allsabbathlich in der Synagoge verlesen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.