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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 324

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Großstadtunkultur und Juden
Date
1916-08-01
Page
324 (sequence 6)
Language
German
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324 Alfred Lemm: Die Vielen des j üdischen Volkes aber sind, wie alleVielen, zu stark auf die gerade ihnen eigentümliche Abgrenzung eingestellt, als daß das Fehlen der greifbaren Gestalt für dieses spezielle Seelische ohne nachteilige Folgen sein könnte. Wollen die westlichen Juden verhüten, daß auch in einer Zukunft mit festen allgemeinen Mittelpunkten den Stammesgenossen ein Ausgesetztsein allen lösenden Anbohrungen, die stets in genügender Zahl an der Arbeit sein werden, eigene, bleibt ihnen nichts als wieder für die volkliche Bindung zu sorgen. Noch gibt es kompakte Massen von Juden, durch welche die Vollkraft der Art von der Vergangenheit her in die Zukunft strömt. Sich ihnen wieder zuzureihen, mögen sie ihren bisherigen Wohnboden behalten oder ihn nach Palästina verlegen, muß die Sehnsucht der Westjuden sein. Der heutige Deutschjude aber hat gemeinhin viel zu viel Deutsches aufgenommen, als daß er es nach Belieben von sich tun könnte. Nur Unlebendige wollen eine Entwicklung an einer Stelle abhacken und eine andersartige an den Stumpf annähen. Das was in Seelen ist kann nicht zerlegt, umgekehrt und ausgewechselt werden. Der Eingriff des menschlichen Geistes in ein Volksschicksal darf nicht erfolgen durch Abbrechen, sondern nur durch Abbauen. Nicht Sprung sondern schrittweises Übergehen ist der Weg. Die Deutschjuden können nur ihre Kinder bereit machen, sich den Ostjuden anzuschließen. Doch auch ihre Kinder werden nicht die Möglichkeit der Scheidung vom Deutschen haben, wenn sie in Deutschland groß werden. Das dort Aufgenommene zieht und zieht mit jeder Stunde stärker zu sich, hält immer fester mit dem unabschüttelbaren Zwang der Liebe; läßt immer Untilgbareres entstehen. Jeder Jude, der seine Kinder in Deutschland aufwachsen läßt, verschlimmert stillschweigend das Los der Nachkommen. Damit sich eine Generation zurückwachsen kann auf den fruchtbaren Boden des Gesamtvolkes, müssen die Kinder der Deutschjuden einen großen Teil ihrer Jugend im jüdischen Osten (in neujüdischen Erziehungsheimen) verleben. Es geht nicht anders: hier kann nur Bruch zwischen den Generationen helfen. Es kann nicht weiter ein Geschlecht das nächste lahmen Sinnes nach sich ziehen. Mit jeder unentschlossenen Generation wird die Unmöglichkeit des Zurück um Ungeheures vergrößert. Die Liebe der Eltern, welche dringend verlangt, daß das Kind am selben Orte vom selben Geiste sei, muß schweigen vor dem drohenden Verhängnis des Volksteils der Deutsch juden: unerlöst zu bleiben oder zu verschwinden. Die nahe Verbindung des Einzelnen mit seinem Erben muß geopfert werden, wenn auch der Schnitt aus dem Leben der Alten Wärme und Reichtum fließen läßt und die Jugend der Jungen einsam, kühl und pflichtvoll macht. Die Ostjuden sind auf dem Wege zum selbständigen Geist. Noch ist der größte Teil von ihnen eingekreist von der „Lehre", die, anspruchsvoll, keine Zeit für die Erde übrig läßt. Mögen in den Überlieferungen noch so wertvolle Bestandteile nachgewiesen werden — sie sind im Wesen nur Überlieferungen, die, unkontrolliert angenommen, die Religion in einen Bezirk des Außerlebendigen erheben. Wessen Herz in einem überkommenen Lehrgebäude sich bewegt, ist dem Heute und seinen Forderungen des Handelns abgewandt. Je mehr anders Leben und Menschen werden, desto isolierter von allen übrigen Geisteskomplexen muß der Orthodoxe seine Religion gleich einem Schaustück unter Glas setzen. War die religiöse Unverändertheit die Jahrtausende über nötig, um eine Angleichung der Juden an ihre Umgebung zu verhüten, das Volk zu erhalten, so ist heute der Kitt des nationalen Gefühls stark genug zu diesem Zweck: das Volk der Ostjuden beginnt, Volk und Religion zu teilen. Noch reicht

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