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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 325

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Großstadtunkultur und Juden
Date
1916-08-01
Page
325 (sequence 7)
Language
German
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Großstadtunkultur und Juden 325 sein Horizont nicht weit über seine Heimatsstädte. Es trägt die Zeichen eines Anfängers unter den Völkern: Echtheit und Begrenztheit. Die Ostjuden werden sich ihren neuen Boden schaffen. Die Westjuden aber können ihnen dabei unschätzbare Hilfe leisten. Die besten von ihnen müssen in den Osten gehen, um das Ihrige zu geben. Es muß ein Dorf, eine Stadt des Austauschs zwischen Osten und Westen entstehen. In Kolonien neuen Geistes, in gemischten Gemeinschaften von Studenten, Arbeitern, Kaufleuten sollen Ost- und Westjuden einander durchdringen. In einer solchen Austauschsiedelung werden die Erziehungsheime für die Kinder der Deutschjuden stehen. Schon gibt es genügend zur Nation zurückgekehrte Westjuden und europäisch gewordene Ostjuden, um die Stellen der Lehrer-Kolonisatoren zu besetzen. Die in Deutschland bleibende Generation aber wird im geistigen Austausch mit den Ostjuden die Verbindung mit ihren Kindern wenigstens halb erreichen. Die jiddische Sprache, welche diese sprechen werden, ist besonders durch den Zufall mißkreditiert, daß der Deutschsprechende sie als Verbiegung empfindet. Dann auch brachten die Juden in die deutsche Sprache neue Ausdrücke, Abdrücke ihres elenden Schicksals ein. Diese halten sich vielfach im Kreise des Erwerbs oder der Familienbeziehungen, spiegeln den ostjüdischen Kleinhorizont. Sie haben meist die Nuance des genauen Durchschauens und auf Grund dessen einer schlauen Überlegenheit über alles; das gibt diesem ganzen Sprachgebiete einen hervorragend unidealistischen Tonfall. Die Erinnerung an ihn nimmt der Deutschjude mit, wenn er Jiddisch hört. Aber weder das verletzte Schönheitsgefühl derer, welche die deutsche Sprache unvermischt und weiterentwickelt sprechen, noch der gerechtfertigte Widerwille derer, welche über das Produktionsgebiet jener Sprachteile hinausgewachsen sind, haben mitzusprechen vor der Tatsache, daß die jiddische Sprache vom jüdischen Volk gesprochen wird. Die traurige Geschichte des Juden muß an seiner Sprache hängen, wie sie noch in seinem Wesen ist — unwahr wäre, wenn eines dem andern nicht entspräche — so lange, bis eine neue Geschichte beides geändert haben wird. Das Selbstverkleinernde, Unheroische des Jüdisch-deutsch wird verschwinden in dem Maße, wie solcher Sinn vergeht. Wessen Sprache der Jargon ist, erhält im gleichen Augenblick harte Aufgabe an Stelle sprachlichen Geborgenseins und der Befriedigung, Das Jiddische mit den neuen starken Tönen, die eine heroischere Zukunft nötig machen wird, aufzufüllen, ist der Beruf des Hebräischen. (Nur aus einer Sprache, in die das Volksleben seine notwendigen, tausendfachen, unverwechselbaren Töne hineingelegt hat, kann ein Volk sie wieder für seine Lebensbedürfnisse herausnehmen.) Den Deutschjuden aber bietet sich durch eine ausnahmsweise gütige Geschichte in dem Jüdisch-deutsch eine Sprachstation zum Abbau auf dem Wege zu einem möglichen späteren Hebräisch, wie der nahe Osten ihm, wie durch ein Wunder, Etappe sein kann zu einem möglichen späteren Palästina, so daß er das Überspringen zu fernem Ort und ferner Sprache nicht nötig hat. In dem Besitzaustausch zwischen Ost- und Westjuden haben diese das zu geben, was einen Teil ihres und der Zeit Unglücks ausmacht: die gänzliche geistige Losgelöstheit. Man kann die Wahrheit nicht auslassen. Je mehr niedergerissen wird, desto wertvoller ist der Glaube, der danach entsteht, weil er um so schwerer ist. Der Verankerte steht fest, aber er ist gebunden; der Bindungslose ist schwankend, aber frei. Weil Westeuropa so ohne jede Verstricktheit ist, kann es ganz unbeschwert, ganz aus dem Reinmenschlichen heraus eine neue Religion errichten. Es hat freie

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