Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Großstadtunkultur und Juden
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 323 (sequence 5)
- Language
- German
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Großstadtunkultur und Juden 323 muß er Urteil, Verachtung gegen das Andersartige anfahren, um sich zu retten. Er, der immer oben sein muß, stellt sich auf den Standort des Spottes hoch und zieht gegebenenfalls die hohen Dinge der Menschheit herab. Bis zu den Besten hinauf ist das persönliche Bewußtsein ungeheuer leicht gefährdet. Anerkennung wäre Bedrohung der eigenen Position; Kritik ist Selbsterhöhung. Niemals hätte die Verwundbarkeit auch des vornehmen Juden diese Schärfe erreicht, wäre er fest eingebaut in eine ihn restlos bejahende Umgebung an Ort und Zeit. In dem richtigen Instinkt des eigenen Bedrohtseins finden die Juden vielfach Halt an den Resten ihrer Riten. Ihre Befolgung und eine bestimmte Zahl Synagogengänge erhielten die Aufgabe, ihnen das Bewußtsein zu geben, daß sie in einer festen Bindung ständen. Sie tun den Dienst, weil ihnen der Gott fehlt. Auch die christlichen Kirchen sind überfüllt von Menschen, die, um leben zu können, von sich wissen müssen, daß sie in der Kirche gewesen sind. Doch ist der Jude aus der vornehmlich religionslosen Schicht der Bessergebildeten häufiger „fromm" als der Christ der gleichen Art. Darauf, daß die besondere Bedrohtheit der Westjuden vom Doppelverlust der beiden Bindungen sich herschreibt, kann leicht die Probe gemacht werden. Die Sicherheit, welche der Religiöse alten Schlages durch seine Verkettung genießt —• gleichgültig, wie weit sie einem höheren Blick gerechtfertigt erscheint — wird er stets im Verkehr mit dem Freigeist sehen lassen. Eine solche Überlegenheit gibt der im Lande Eingesessene, welcher sich auf das Ringsherum, das von seiner Art ist, berufen kann, dem Fremdling zu spüren, der von der stärkenden Heimat zur Zeit abgeschnitten ist. Die noch kirchlich frommen Juden und die schon wieder zur Nation Hinstrebenden sind an der Unechtheit am wenigsten beteiligt. Beide stehen in dem Quantum ihrer Bindungen gleich dem heute häufigsten religionslosen Stammdeutschen. Die Zeit wird kommen (in den Empfindlichsten und in der jungen Generation macht sie sich schon bemerkbar), in der die Menschen mit ihren Erfolgen über die Welt wahrhaft fertig geworden sein werden. Wo das Neue, welches die Bauten der Seele stürzen ließ, lange genug da sein wird, um selbst die Erde für einen neuen Bau abzugeben. Wo aus einer anderen Richtung die Kraft der Heilighaltung hervorbrechen wird. Dann haben die Länder ihre Bindung am Übererdlichen wieder. Den westeuropäischen Juden aber wird dann immer noch die irdische fehlen. Sie werden sich dann erst auf den Bedrohtheitsgrad zurückgebracht haben, dem der deutsche heute unterliegt. (Denn in der Frage des Ersatzes, nach dem bei Verlust gegriffen wird, scheinen Vaterland und Gott etwa gleiche Größen für die Menschen darzustellen.) Je mehr der Mensch von seiner Gebundenheit an vieles Spezielle vorschreitet in eine geistigere Verfassung, der nur die allgemeinsten Dinge wichtig sind, desto tiefer senkt sich ihm das Raßliche in sein Inneres, von wo aus es ihn nicht weniger bestimmen kann, wo es ihm jedoch selbstverständlich und seltener und zarter erwähnenswert wird. Auf dieser nicht allzu häufig erreichten Stufe entstanden und entstehen herrliche Synthesen eines alten Geistvolkes mit europäischer Kultur; nur gelegentlich erscheint in diesen Geschlechtern eine leichte Melancholie, wie über einen tragischen Vorfall, der sich weit, weit entfernt abgespielt hat. Es gibt Juden, die schon so nach Deutschland gehören, daß es schade wäre, drehten sie ihm den Rücken.