Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Großstadtunkultur und Juden
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 322 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Alfred Lemm: Die Juden in Westeuropa verloren die ureigene volkliche Bindung und konnten, soweit sie sich noch jüdisch fühlen, eine lückenlose neue Bindung mit den sie umgebenden Völkern, sollte es ehrlich zugehen, noch nicht eingehen. Sie bauen, zum Geist erwachend, nicht auf einem Boden weiter, der von Menschen ihrer besonderen Art in der Vergangenheit bestellt wurde, Sie träumen nicht von der Zukunft gerade ihrer Empfindungsgenossen. So kann ihnen die haltende Kraft, die von der Bindung ausgeht, nicht zugute kommen. Dem deutschen Großstädter riß nur die Bindung mit dem Himmel, dem jüdischen auch die erdliche mit dem speziellen Seinesgleichen. Die deutschen Juden werden, wie alle Westeuropäer, von dem Fehlen einer heilighaltenden Macht betroffen; doch außerdem noch vom Mangel an der nationalen Stützung. Eine besondere Bedrohtheit wurde ihnen eigen. (Über diese Besonderheit hinaus zieht das Volk der Hingabe Schlechtes wie Gutes mit der gleichen Heftigkeit an sich.) Die chronische Bedrohtheit der westjüdischen Seele läßt sie nach jeder Seite nach Halt greifen. Sie hat noch mehr Veranlassung, sich auf die Surrogate zu stützen, welche die Epoche als Ersatz für den festen geistigen Standort herstellte. Waren die Juden bei der Errichtung der rohen Macht über die Erde und über die Mitbewohner obenauf vermöge ihrer Kopfeigenschaften, so konnten sie das Gefühl der Beherrschung beider Gebiete am besten für die innere Stabilität gebrauchen. Als Wissenschaftler und Kapitalisten pochen sie lauter auf ihren löchrigen Erfolg. Greifbare Sicherheit zu erlangen war Anreiz, die ererbten Kaufmannstalente spielen zu lassen. Hier stieß zu diesem Streben das der modernen Individualität, dieses Überlaufens der persönlichen Geltung. Die Juden wollen nicht nur die allgemeine Emanzipation, sondern jeder einzelne will seine persönliche Emanzipation in allen nur immer vorkommenden Fällen. Im Zeitalter der Pointe hat er Heißhunger nach Anerkennung. Er muß mit den Anderen mithalten, hat die Sucht, auf jeden Fall „mitzumachen", und es liegt wie beständige Furcht in ihm, irgendwo ausgeschaltet sein und zurückbleiben zu können. Mit der internationalen Vereinbarung des Mottos „Jeder muß etwas vorstellen" konnten auch die jüdischen weiblichen Großstadttypen nicht ausbleiben, <lie sich an allen Ecken ihres Körpers forcieren, um in der Weltgeschichte nicht übersehen zu werden. Ihr Wirkungskreis hört noch nicht bei dem kleinsten Laufburschen der väterlichen Firma auf. Auf allen Gebieten wollen sie konkurrieren können. In einem Volke, in dem der Proletarier ein Weiser in der Bibelauslegung ist, sind hirnbeschäftigende Interessen durchgängig. Ein großer Andrang zu denen, von deren Pflege Ansehen abfällt, stellt sich ein. Der einfache Mann, der zu seinem Zirkusspaßmacher oder seiner halbnackten Vorstadtsoubrette geht, ist ehrlicher als jener Jude, der acht Tage nach Zuzug in die Stadt die Theater der Gebildeten kennt. Es entsteht der männliche Großstadttyp, der sich Kulturtaten vorführen läßt wie eine neue Kollektion und aus seinem Erfolg in der Knopfbranche die Berechtigung herleitet, dem Genie Rat zu erteilen. Die Bedrohtheit sticht den Großstadtjuden, mehr zu wollen als er doch sein kann. Er wird, wie kein anderer, (übrigens unbewußt) unecht. Als die Heiligkeit der Dinge außer Kurs kam, wurde auch der Jude unidealisch. Doch während der Deutsche, der nur sein Wohlsein kennt, seinen Weg des Bauchfüllens macht, allenfalls noch mit bewundernswert unbeirrter Selbstpsychologie sich einen hohen Beweggrund leiht, tut der Jude einen Schritt weiter. Weil ja ein Anderssein der Mitmenschen seine schmalen Grundfesten ins Schwanken bringt,