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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 321

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Großstadtunkultur und Juden
Date
1916-08-01
Page
321 (sequence 3)
Language
German
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Großstadtunkultur und Juden 321 Hirns. Der Kopf des Bauern kann sich tagelang in verhältnismäßiger Ruhestellung befinden. Der des Entwickelteren verlangt ein Gegenüber, an dem er sich auslassen kann. Im natürlichen Menschen wird dieser Trieb durchwachsen von den gesamten seelischen Bedürfnissen und er erhält von ihnen sein Arbeitsgebiet zugewiesen. Im Großstädter wendet sich das Interesse mit Übergehung der eigenen inneren Forderungen an die Dinge, welche in hoher Geltung stehen: Theater, Romane, bildende Kunst, Wissenschaft. Die Interessen an sich, mögen sie von hochwertigen inneren Gefühlskomplexen oder von Rücksichten geleitet werden, sind als Triebe mit einer Richtung, der auf ihre Ziele hin, kulturell noch ohne Wert. Erst mit der Rückrichtung vom gewählten Objekt des Interesses auf den Interessierten kann der entstehen. Erst mit der Schließung des Ringes vom Lebenden ins Lebende, vom subjektiven Hinausstrahlen eines Bedürfnisses zur Rückwirkung auf das Sein der Menschen wird ihr Tun fruchtbar. Mit dem Resultat erst werden die Interessen zur Kultur. Wäre in der Großstadt die reine Seele Urheberin der Interessen, so wäre sie auch Empfängerin: die ästhetisch-philosophischen Übungen, die besonders frequentiert werden, würden wirkend, erhöhend in das Wesen jener Menschen dringen. Da jedoch die Wahl korrumpiert war, — wobei es gleichgültig ist, daß der Instinkt der öffentlichen Meinung die richtige Spur hat — ist zumeist gar kein geeigneter Aufnahmeboden vorhanden. Der allgemeine Stolz aber, daß man so geistige Interessen pflegt, gleich als ob man sie erlebte, gibt ein unerquickliches Mißverhältnis mehr. Überall herrscht statt der Schlichtheit die Pointe. Und klein nur unter dem großgewordenen Unwichtigen blüht in den Großstädten — nur zwischen der Jugend —wirkliches warmes Leben. Die aber hatte noch nicht die Macht, das Gesamtbild zu ändern. Diese Situation findet der Jude in Westeuropa vor. Weil er in einigen Ansammlungen als deutliches Beispiel für die Großstadtunkultur auffällt, wurde der Trugschluß naheliegend, er hätte verursacht, was doch die Zeit verschuldete. Wohl aber haben sich die Juden — ein Volk voller Möglichkeiten — als besonders leicht und schnell anfällig für die (mit ihnen und ohne sie sich ausbreitenden) Übel erwiesen. Da die Natur überall, wo sie überhaupt greifbare Erscheinung werden will, der Abgrenzungen bedarf, entstand in den Menschen — über der Spezifikation der Familie — die der Rasse. Durch sie hindurch als Station gehen notwendig alle menschlichen Äußerungen. In dem so von außen gezogenen Kreise wurde die Ähnlichkeit der in die Absteckung Gewiesenen Aufforderung zum inneren Ausbau. Gemeinsame Gefühle und Ziele führten zum Zusammenschluß. Das Volkliche wird zu einer Bindung auf dieser Erde innerhalb der Menschen, wie das Religiöse Bindung der Menschheit mit einer Macht außerhalb ihrer ist. Auch die volkliche Bindung hat für die Menschen einen doppelten Beruf. Als ein aus Jahrtausenden gleichen Wachsens entstandenes Lebewesen, wird Volk Objekt für Hingabe und Sehnsucht; und es wirkt, als stützende Vielheit, befestigend auf das Mitglied zurück. Man will sich gebunden fühlen, und das Band wird zum Halter. Nach allen Richtungen verfestigt sich der Mensch mit seiner spezielleren Art: mit dem Rechts und Links des heute Lebendigen, mit dem Rückwärts und mit dem Vorwärts.

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