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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 320

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Großstadtunkultur und Juden
Date
1916-08-01
Page
320 (sequence 2)
Language
German
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32o Alfred Lemm: Als die Entdeckung herauskam, daß die irdischen Kräfte in der Konkurrenz mit den göttlichen unvergleichlich besser funktionierten, krachte das alte Gebäude zum Himmel zusammen. Was den Menschen Haltebau war, weil es ihnen ihre Dinge hielt, hochhielt, was Stütze und Heiligung des unter Menschen Entstandenen war, Gott, der große Heilighalter fiel. Bindungslos steht der Mensch. Nicht weil er den bisherigen Gott verlor, sondern weil ihm dadurch nichts mehr heilig ist, ist er so trostlos allem preisgegeben. Die Verdrängung des Gesundbetertums zugunsten der Hirnkonsultation aber fand auf allen Gebieten statt. Es heißt nun: jede Welt ihr eigener Doktor. Und der Riesenerfolg hiermit, welcher die alte seelische Verfestigung unmöglich gemacht hatte, mußte als Surrogat für das Ausgegangene herhalten. An Stelle dessen, daß man innerlich mit der Welt fertig wurde, pochte man darauf, daß man sie gewaltsam untergekriegt hätte. An die Stelle der Metaphysik trat die Technik. An die Stelle der geistigen Sicherheit das Machtbedürfnis. Macht auf dieser Erde haben wurde dem Menschen Ersatz für seine verlorene Stellung in der Welt. Geld war der Weg. Auf der ganzen Linie an Stelle des Sieges der Erfolg. Die Verschiebung des Schwerpunktes vom schlichten Willen, das Wesen zu erfüllen, auf das Reüssieren — die Pointe — erhielt hervorragende Unterstützung vom intensiven Lebenskampf. In dieser heißen Atmosphäre des Einanderübertrumpfens, in die mit spekulierender Erwartung immer noch und immer noch ein Höhenrekord hineingeworfen wird; auf diesem Markt auf Tod und Leben, der ohne Selbstbeschränkung losgelassen, sich ins grotesk Verzogene steigert, wird auf eine Seite, auf die des Gelingens und Sichdurchsetzens hin gearbeitet, und es werden jene Hirnkräfte noch mehr gewetzt, welche an den Erfolgen besonders teil hatten. Die Pointe hat in der Großstadt ihre engere Heimat. Die Anhäufung der Menschen drängt diese dazu, ihre Handlungen aufeinander einzustellen, statt sie unabgelenkt nach der vom Selbst empfundenen Notwendigkeit auszuführen. Die Frauen in den Straßen, deren Häuser lediglich für den Mietszins gebaut sind, tragen ihre Kleider und ihre Schritte zur Schau. Die Männer haben statt des unbeobachteten Zuhausegesichts ihr Ausgehgesicht aufgesetzt, das mit Rücksicht auf die anderen Straßenbegeher frisiert ist. Man tut, als ob man es sehr eilig hätte — das macht das eigene Leben wichtiger. Man tut, als ob man seine Bekannten nicht sähe — das gibt Überlegenheit. Der Fluch des Gesehenwerdens liegt über den Städten. Die Sprache jedes Einzelnen erhält einen Einschlag nach der Richtung der Wirkung: unehrliche Zuspitzung zum Zweck des Beifalls. Der „Witz auf jeden Fall" wird erblich. Die hohe Öffentlichkeit kann sich nirgends beherrschen, der lukrativen Verführung der Worte zu folgen, diesen gefährlichsten Zeichen-Mitteln zum Ausdruck. Eine unerreicht vollendete Wortkultur baute die Eitelkeit des Treffens in den Büchern aus. Auf der Genugtuung am Gutsagen, nicht auf dem Willen zu sagen, liegt ihr Schwergewicht. Der Fluch des Gehörtwerdens liegt über der Stadt. Und wie dieser Schlagwortliteratur entglitt der ganzen Epoche das eigentliche Wesen. „Mit Rücksicht auf" ist das meist gebrauchte Wort. Damit der Mensch nicht von seinen Gefährten ausgestochen werde in der Gesellschaft, erlernt er ein bestimmtes Pensum an Wissen, von dem er vermutet, daß es einmal „herankommen" könnte. Die Höherbildung des Einzelnen wurde auf Grund eines Vertrages auf gegenseitige Achtung festgelegt. Die „geistigen Interessen", mit denen die Großstadtgebildeten ihre Freistunden füllen, haben gemeinhin ihren Grund in dem Bedürfnis nach Beschäftigung des

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