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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 318

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Einige Worte über Hermann Cohen
Date
1916-08-01
Page
318 (sequence 3)
Language
German
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R. Seligmann: Einige Worte über Hermann Cohen Reden des Deuteronomiums und der Propheten, aus den lyrischen Ergüssen der Psalmen, aus vielen im Talmud verstreuten Legenden spricht zu uns eine und dieselbe Sehnsucht einer lebendigen Nation nach ihrem Erlöser, der zugleich auch der Erlöser aller Kreatur ist. Im Chassidismus feierte dieser Mythos seine Wiedergeburt und Auferstehung — ein Zeichen dafür, daß dessen verborgene Quellen aus den Gemütstiefen des Volkes nie verschwunden sind. Und im Mittelpunkte all dieser Sehnsüchte, Träume und Spekulationen steht das konkrete Volkstum als lebendige Verkörperung der in dessen Schöße entstandenen Ideale, von dem alles in vielleicht noch groben Umrissen ausgeht, und zu dem alles in veredelter und vollendeter Gestalt zurückkehrt. Aber dieser jüdische Mythos, in dem das eigentliche Volk während geiner ganzen Geschichte lebte und webte, und der allen national-kulturellen Erzeugnissen des jüdischen Geistes zugrunde liegt, bildete von jeher den Stein des Anstoßes für alle die morschen Teile der Judenheit, die auf dem besten Wege waren, an ihrem Volkstum Verrat zu üben, und nur um die geeignete Bemäntelung dieses Verrats verlegen waren. Denn der jüdische Mythos, der mit seinen zähesten Wurzeln im Leben der Nation haftete, und an dem sie als Juden nolens volens festhalten mußten, verband sie gegen ihren eigenen Willen mit eben demselben Volkstum, dem sie im Begriffe waren den Rücken zu kehren. Cohens Philosophie des Judentums nun ist ein unbewußter Versuch, derartigen Teilen der Judenheit aus ihrer Verlegenheit herauszuhelfen, indem er den jüdischen Mythos zerstört, das, was den tiefsten Kern des Judentums ausmacht, als eine Verirrung des jüdischen Geistes abtut, und die ganze jüdische Geschichte auf den Kopf stellt. Nach dieser Philosophie soll das Judentum im Grunde den Inbegriff einiger philosophischen Formeln darstellen, deren Sinn darin gipfelt, das Verhältnis von Mensch zu Mensch in den Vordergrund des Interesses zu rücken, während alle anderen Religionen nach Cohen das Verhältnis von Mensch zu Gott zu konstituieren suchten. Und dieser ethische Positivismus, den die Chinesen und die Griechen in gänzlicher Unabhängigkeit von jüdischen Einflüssen, die einen in der Person des Konfutse, die anderen in der des Sokrates zu voller Ausprägung gebracht hatten, sollte den einzigen und alleinigen Gegenstand aller Inspirationen der jüdischen Propheten ausgemacht haben? Wozu haben denn die Propheten diesen ganzen Lärm erhoben, wozu ihr Eifern, ihr Klagen, ihre Verzückung und Verzweiflung, wem haben ihre Tränen und ihr Jauchzen, hat ihre Sehnsucht und ihr Weh gegolten? Will uns etwa Cohen glauben machen, daß die ganze Leidensgeschichte des jüdischen Volkes, die zugleich die Geschichte des jüdischen Mythos ist, und die aus sich heraus den Begriff der Erlösung zunächst für sich und dann auch für die gesamte Kreatur erzeugte, nur eine beiläufige, mit dem Wesen des Judentums als solchen nichts zu schaffen habende Episode war, die man sehr gut streichen könnte, ohne diesem Wesen dadurch Abbruch zu tun? Will uns Cohen glauben machen, daß diese Geschichte, die sich die ganze Zeit hindurch um Ziele und Aufgaben eines ganz konkreten Volkstums drehte, an dessen erarbeiteten Werten gar nicht teilnahm und nur den Sinn hatte, dem Judentum zu jener allgemeinen Weisheit zu verhelfen, die bei den verschiedensten Völkern mit einer ganz anderen Geschichte und einer ganz anders gearteten Mentalität entstand und sich entwickelte? Konfutse, Sokrates, die Stoiker, Tolstoj, um nur einige Hauptrichtungen zu nennen — haben sie nicht alle ganz unabhängig voneinander ihr Augenmerk auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch gerichtet, haben sie nicht alle das Erkennen in den Brennpunkt ihrer Betrachtungen gestellt, um aus dem richtigen Erkennen das richtige Handeln

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