Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Einige Worte über Hermann Cohen
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 319 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Lemm: Großstadtunkultur und Juden 319 hervorgehen zu lassen? Worin besteht denn die Eigenart des Judentums, worin dessen Unterschied von allen anderen ethischen Lehren und Konstruktionen? Aber die Antwort darauf ist sehr einfach. Diese Eigenart und dieser Unterschied — die sollen auch gar nicht bestehen. Für Cohen handelt es sich ja eigentlich darum, alles Lebendige und Wurzelhafte, das einzelne Glied mit dem Ganzen Verbindende aus dem Judentum auszuschalten, um es zu einem wesenlosen Schemen zu verflüchtigen, in dem kein noch so geübtes Auge die Umrisse einer bestimmten Physiognomie zu entdecken imstande ist. Und das eben brauchte jener physiognomielose Teil der westlichen Judenheit, der Cohen als seinen geistigen Repräsentanten feiert. Das Allgemeinmenschliche, das Cohen aus dem Judentum herauszuheben vorgibt, entbehrt jener inneren Überzeugungskraft, jenes verhaltenen Pathos, das aus dem Kulturerlebnis eines konkreten geschichtlichen Trägers quillt. Die Cohensche Konstruktion der jüdischen Ethik, die darin bestehen soll, die menschlichen Beziehungen zu einem möglichst widerspruchsfreien System zu gestalten, läuft auf einen einfachen Positivismus hinaus, wie er sowohl in der alten, wie in der neueren Philosophie nicht minder eindringlich gelehrt wurde. Es fehlen dieser Ethik all jene unentbehrlichen Ingredienzien, die aus dem Judentum ein selbständiges und eigenartiges Kulturprodukt, wie es das Inder- und Hellenentum eines ist, machen — der Kampf um die absolute Gerechtigkeit, der Drang nach Erlösung, die hohe Bedeutung des individuellen bei einer Sanktionierung des gesellschaftlichen Moments. Und diese Ingredienzien müssen in dem Cohenschen System fehlen, weil sie in den Tiefen des nationalen Bewußtseins des jüdischen Volkes wurzeln, das von diesem System verleugnet wird. Die Cohensche Deutung des Judentums ist eine Absage an dieses, sie ist eine Theorie der Assimilation unter dem Deckmantel einer jüdischen Lebensanschauung. Berlin R. Seligmann GROSZSTADTUNKULTUR UND JUDEN Dem Menschen ist die Sehnsucht eingelegt, seine hiesige Existenz mit dem Überwirklichen zu verbinden (fühlt der leider recht zerbrechlich Hergestellte doch über sich beständig ein weites steinernes Blau, das ihn jederzeit erschlagen, und unter sich eine Erde, die ihm täglich fortrutschen kann). Er errichtete eine Brücke zum Himmel — und sah, daß es gut war. Denn an diesem kompakten Verbindungsbau kann er sich nun festhalten. Und weil die eingegangene Bindung ihn hält, muß er sie heilig halten, will er nicht, daß mit ihrem Fall seine Sicherheit mitgerissen wird und seine Sehnsucht ungestillt bleibt. Nun bekam der Mensch die Erde klein durch seine Automobile. Er zerlegte die Luft mit seinen scharfen Aeroplanen in Rennfelder. Er mikroskopierte die Krankheitsteufel, die Verursacher der großen Elende, und sog ihnen mit ein paar geschickten Spritzen alle Dämonie aus den Gliedern. Er wird die Betriebe der wenigen noch bestehenden Vulkane sehr bald in einige Großbäckereien mit Heereslieferungen übergeleitet haben — Erfolg! Erfolg! Erfolgreich war der Mensch.