Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 314 (sequence 7)
- Language
- German
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314 Engelbert Pernerstorf er: Synagoge ebenso in Mitleidenschaft gezogen, wie die christlichen Kirchen. Dadurch wird der jüdische Zusammenhang geschwächt und die Einschmelzung gefördert. Auf der anderen Seite wird ja nach dem Kriege bei allen Völkern das nationale Bewußtsein mächtig sich ausbreiten. Das wird auch dem Judentum national nützen. Aber man vergesse nicht, daß das wachsende Nationalbewußtsein des Volkes, unter dem die Juden leben, in dem Maße als es stärker und allgemeiner, auch anziehungskräftiger wird. Will sich das jüdische Volk auf weltgeschichtliche Dauer als Nation erhalten, so muß es auf das selbständige Gemeinwesen hinarbeiten. Seine Verwirklichung darf nicht allzu weit hinausgeschoben werden. Unterdessen muß es suchen, das Ostjudentum einheitlich zu organisieren. Das ist, wie man schon jetzt sieht, nicht leicht. Ein einheitlicher Wille ist noch nicht da, und wenn er nicht bald geschaffen wird, ist's ein Schaden für das Judentum. Vor allem ist es die Frage der Sprache in der Schule, die die Juden in dem bisher befreiten Polen voneinander trennt. Die fast eine Million zählenden Juden Galiziens haben durchweg polnische Schulen. Sie haben in den letzten Jahren versucht, nationale Autonomie zu erlangen. Es ist ihnen bisher nicht gelungen. Nur in der Bukowina haben sie eine gewisse nationale Anerkennung gefunden, doch nicht eine Anerkennung des Jiddischen für die Schule. Und doch bedienen sie sich dieser Sprache, was ich in Czernowitz selbst erfahren konnte. Ich hielt dort in einem Universitätsverein einen Vortrag. Vor meiner Abreise gaben mir die verschiedenen nationalen Gruppen der Sozialdemokratie ein kleines Abschiedsfest. Bei diesem sang jede Gruppe ihr national übliches Parteilied. So hörte ich je ein deutsches, ukrainisches, rumänisches, polnisches und jiddisches Lied. Dieses war das der „Bundästen" mit dem Kehrreim „Wir schwören". Auch deklamierte ein jüdisches Mädchen ein soziales Gedicht in jiddischer Sprache. Im ehemals russischen Polen gibt es bezüglich der Schule unter den Juden vier Richtungen. Die einen wollen polnische Schulen (die Assimilanten), die andern jiddische, andere hebräische und eine Minderheit deutsche Schulen. So geht das nun nicht. Im strengnationalen Sinn müssen wohl hebräische Schulen gefordert werden. Wenn aber das Jiddische wirklich eine Zukunft hat, wie auch „Der Jude" meint,*) der sich durch Mitteilung jiddischer Literatur ein Verdienst erwirbt, so einige man sich auf Jiddisch. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch auf das Buch von Mieses mit Nachdruck hinweisen, das in sehr gelehrter Weise von den jüdischen Mundarten handelt. Es gibt ganz neue, höchst originelle Erklärungen.**) Was mir aber im nationalen Interesse der Ostjuden wichtig erscheint, das ist die Einigung. Auch in jiddischen Schulen würde ja hebräisch gelehrt und wohl selbstverständlich auch, wenigstens in den oberen Klassen, die polnische Landessprache. Der Antisemitismus ist dem jüdischen Volke zum Heile geworden. Er hat sein nationales Selbstbewußtsein zum Erwachen gebracht und sein Ergebnis war die jüdische Nationalbewegung. Sie wird nicht mehr verschwinden, Der gegenwärtige Krieg hat ihr durch die Befreiung wenigstens eines Teiles der ostjüdischen Bevölkerung vom russischen Joche mächtig genützt. Es wird nun an der Energie der Juden liegen, sie nicht mehr zur Ruhe gelangen zu lassen. Zum ersten Male in der Geschichte des *) Um einem Mißverständnis vorzubeugen, machen wir darauf aufmerksam, daß inj „Juden" nicht etwa für Jiddisch und gegen Hebräisch Stellung genommen wurde. (Anm. d. Red'i **) Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Von Matthias Mieses. Wien, R, Löwit.