Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 313 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Judenfrage 313 immer neuen Argumentationen reizte und von Punkt zu Punkt zu neuen Auffassungen führte. Diese Wissenschaft wurde aufs höchste geschätzt und diese Schätzung wurde sodann auf alle Wissenschaft übertragen* Daher das Streben des Judentums nach Wissenschaft und Studium. Daher das Bestreben der Juden, ihren Kindern den Weg zur Wissenschaft zu bahnen, zu welchem Zwecke sie kein Opfer scheuen, daher die ungeheure Zähigkeit der einzelnen armen Juden, mit der sie die höheren Schulen durchlaufen. Wenn dann diese Einzelnen die Wissenschaften auch ausmünzen, so tun sie nur, was auch die anderen tun. Dadurch, daß das jüdische Volk der Welt gezeigt hat, ein Volk könne auch leben, wenn es in seiner Gesamtheit aufs Lernen und Wissen ausgehe, hat es ihr einen großen Dienst erwiesen. Wenigstens jener Welt, die an einen intellektuellen Fortschritt hohen Grades glaubt und auf ihn hinarbeitet. Vielleicht wirkt bei dem Antisemitismus konservativer Kreise, wenn auch unbewußt, die Furcht vor dem geistigen Streben der Juden mit. Sie sind also, halten wir daran fest, eine Nation und eine Nation von besonderer Geistigkeit, wie jede innerlich starke Kulturnation. Sie hat ein Recht auf nationale Existenz. Es bleibt also nur zu erwägen, wie sie ihr gewährleistet werden kann. Ich habe schon angedeutet: auf weltgeschichtliche Dauer hinaus nur durch ein eigenes Gemeinwesen. Bis es zu einem solchen kommt, durch nationale Autonomie überall dort, wo sie in geschlossenen Massen sitzt. Also in Westeuropa nicht. Denn weder die Engländer, noch die Franzosen, noch die Italiener, noch die Deutschen empfinden die unter ihnen lebenden Juden als nationale Fremdkörper, und auch diese Juden fühlen sich national schon zu verwachsen mit dem Gesamtvolke. Das braucht nicht auszuschließen, daß diese Juden die nationalen Bestrebungen des Ost Judentums fördern. Ja, die Renaissance des nationalen Judentums hat ihre Führer fast ausnahmslos im Westjuden gefunden. Ich brauche bloß den Namen Theodor Herzls zu nennen. Die Erklärung dieser Tatsache ist nicht schwer. Nur das hochkultivierte Westjudentum konnte die seelische Not des Ostjudentums ganz empfinden. Der nationalen Autonomie dieses Ostjudentums stehen aber große Schwierigkeiten im Wege. Die größte ist wohl die Heißblütigkeit des polnischen Nationalismus, der die völlige Einschmelzung des Judentums ins Polentum rasch wird verwirklichen wollen. Sie erfolgt nach meiner Überzeugung sicherlich, wenn ein selbständiges jüdisches Gemeinwesen nicht entsteht. Ich halte es für einen großen Irrtum mancher Juden, die da glauben, die Juden werden sich als Nation unter allen Umständen erhalten können. Sie führen als Unterstützung für ihre Meinung an, daß sich die Juden zweitausend Jahre im Golus in ihrer Sonderart gehalten haben. Das ist richtig, und wenn die folgenden Jahrtausende ähnlich verlaufen würden, wie die bisherigen zwei, so mag die Meinung leidlich scheinen. Natürlich richtet sich meine Beweisführung nicht gegen jene, die eine göttliche Fügung annehmen. Deren Glauben achte ich, aber ich habe ihn ebensowenig, wie die weitaus meisten Westjuden. Ich bin auch nicht der Meinung, daß der gegenwärtige Krieg zu einer Wiedergeburt der Kirchen führen wird. Wenn es in dieser Richtung zu einer Wiedergeburt kommen sollte, so vielleicht (obwohl ich auch das nicht für sehr wahrscheinlich halte) zu einer solchen der Religiosität, die geradezu antikirchlich gerichtet sein wird. Auch die jüdische Religion hat kirchliche Formen, und das jüdische Volk ist wesentlich durch sie im Golus zusammengehalten worden. Brechen die Kirchen zusammen oder wird ihr Einflußkreis kleiner, so wird die Heft 5. 22