Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 315 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Judenfrage 315 Golus haben sie Gelegenheit, in die Entwicklung ihrer Nation handelnd einzugreifen. Aber wir, die wir die Heiligkeit aller Nationen achten, dürfen dabei nicht abseits stehen, sondern müssen ihnen nach Kräften helfen. Wir müssen uns dessen bewußt sein, daß mit dem Untergang des jüdischen Volkes wertvolle Kulturelemente besonderer Art verschwänden. Zwar würden sie durch Aufsaugung durch andere Völker nicht ganz verloren gehen, aber sie würden abgeschwächt und wahrscheinlich doch zuletzt, wenigstens in Westeuropa ausgelöscht werden. Die Steigerung der Menschheit kann nicht durch äußerliche Vermischung, sondern nur durch innere Differenzierung erfolgen. Wir Deutsche haben manche geistigen Berührungspunkte mit dem Judentum. Wir rühmen uns gerne - und doch wohl nicht zu Unrecht —, ein universales, ein geistiges Weltvolk zu sein. Beweisen wir es auch dadurch, daß wir uns um die Schicksale der Unterdrückten, der Ringenden annehmen. Die deutschen Juden haben sich im Kriege, wie wirs nicht anders gewünscht und erwartet haben, tapfer in unsere Reihen gestellt. Sie haben es getan trotz vielem Harten, das sie erleben mußten. In ihrem Herzen brennt eine echte heilige deutsche Vaterlandsliebe. Das sei ihnen in der Zukunft unvergessen. Man hat sie ja oft, wie die Sozialdemokraten, vaterlandslos ge-* schölten. Der Heldentod Ludwig Franks ist für die Juden und für die Sozialdemokraten symbolisch. Insbesondere wir deutschen Sozialisten können den Juden gegenüber nie feindselige Gesinnungen haben. Sie haben dem Sozialismus, dem deutschen Volke, der Welt zwei Männer von unvergänglichen Gedanken gegeben: Karl Marx und Ferdinand Lassalle. Sie sind uns Deutsche, den Juden Juden. Die Zeit nach dem Kriege wird große Aufgaben bringen, der Menschheit neue Ideen geben und wohl auch neue Wege weisen. Der Gedanke der Organisation wird mächtiger als je zuvor werden. Er wird auch zielführend für das Judentum werden. Es ist sein letzter weltgeschichtlicher Augenblick für die Erlangung einer bleibenden nationalen Existenz. Es heißt nunmehr nicht mehr bloß sie zu wünschen, sondern sie vorzubereiten.*) Wien Engelbert Pernerstorfer *) Gerne hätte ich* an verschiedenen Stellen dieses Artikels auf die überaus zahlreiche Literatur über die Judenfrage in deutscher Sprache hingewiesen. Doch der Umfang des Artikels wäre dadurch auf das doppelte angeschwollen. Aber ich fühle mich verpflichtet, auf eine überaus wichtige Veröffentlichung aufmerksam zu machen. Sie hat den Titel „Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem" (Berlin, Heymann, 1916). Ihr Verfasser ist Sigbert Feuchtwanger, wohl selbst ein Jude. Die Arbeit zeichnet sich durch Objektivität und Gründlichkeit aus. Außerdem verdienen die Veröffentlichungen des „Jüdischen Verlags" in Berlin die höchste Beachtung. Ich hoffe gelegentlich auf sie ausführlich zu sprechen zu kommen. Er macht sich auch dadurch verdient, daß er in einer Sammlung Jüdischer Dichter unter dem Titel „Vom alten Stamm" Erzeugnisse der schönen Literatur in Jiddischer Sprache in hochdeutscher Übersetzung herausgibt. 22*