Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 312 (sequence 5)
- Language
- German
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312 Engelbert Pernerstorfer: einfach zu verschwinden haben. Daß solche Prozesse vor sich gehen, haben wir gesehen und sehen wir* Aber zu billigen sind sie nur, wenn es sich um kleine oder um sehr zurückgebliebene und wenig entwicklungsfähige Nationssplitter handelt. Weder das eine noch das andere trifft bei den Juden zu. Sie sind ungefähr 12—14 Millionen stark und sie sind ein altes Kulturvolk mit einer alten hebräischen Literatur von Bedeutung und auch die neuere jiddische Literatur scheint sehr der Beachtung wert zu sein. Sie haben auch eine freilich nur im religiösen Ritus und nur im Religionsunterricht der Schule gemeinsame Sprache, die hebräische. Die Hälfte von ihnen, die in Osteuropa wohnt, spricht jiddisch. Aber selbst der Mangel einer selbständigen Sprache würde nichts entscheiden. Wenn sie alle einunddieselbe moderne europäische Sprache sprächen, würde sie das nicht ihrer eigenen Nationalität berauben. Die Niederländer sprechen eine deutsche Sprache, fühlen sich aber als eine eigene Nation. Die Iren sprechen fast alle englisch, wollen aber als irische Nation angesehen werden. Was nun aber die nationalkulturelle Eigenart der Juden betrifft, so liegt sie klar zutage. Das jüdische Volk hat der Menschheit Kulturgüter von hohem Werte gegeben. Darüber braucht man kein Wort weiter zu verlieren. Aber eines ist noch nicht gesagt worden, was zu sagen mir schon lange auf dem Herzen liegt. Dazu muß ich freilich etwas weiter ausholen. Der bekannte badische Arzt und Soziologe Otto Amnion hat in einer Reihe von Büchern eine Sozialtheorie aufgestellt, derzufolge eine Nation, um sich erhalten zu können, in ständischer Gliederung aufgebaut sein muß. Die Grundlage dieses gegliederten Aufbaus ist das Bauerntum, das ein unerschöpflicher Behälter der Volkskraft ist. In einem seiner ersten noch mehr medizinischen als soziologischen Bücher weist er in einer Anmerkung darauf hin, daß die Existenz der Juden seiner Theorie zu widersprechen scheint. Er werde später auf diesen Widerspruch zurückkommen. Ich habe alle seine folgenden Bücher, glaube ich, gelesen. Er ist niemals mehr auf diesen Punkt zurückgekommen. Aus gutem Grunde. Er konnte den Widerspruch eben mit seiner Theorie nicht in Einklang bringen. Ammons Theorie verneint die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus, insbesondere auch die Möglichkeit einer wesentlichen Erhöhung des Geisteslebens der Massen. Denn es ist eine wichtige Grundlage seiner Lehre, daß aus Geschlechterfolgen ausgeruhter Gehirne die Einzelnen sozial aufsteigen. Es ist klar, daß, wenn sie richtig ist, diese Ammonsche Gesellschaftstheorie den demokratischen Sozialismus unmöglich macht. Nun beweist die Existenz des jüdischen Volkes die Unrichtigkeit dieser Lehre. Seit vielen Jahrhunderten lebt es ohne eine eigentliche ständische Gliederung. Insbesondere fehlt ihm die bäuerliche Grundlage. In diesen Jahrhunderten des Golus und der Verfolgung hat sich das jüdische Volk, auch in den ärmsten Schichten, auf die Ausbildung des Geistes verlegt. Es ist eine einseitige Ausbildung der Verstandkräfte, die geübt wurde und wird, aber sie hat auf die Geistigkeit des Volkes mächtig gewirkt. Sie hat in ihm jenen Rationalismus erzeugt, der nicht nur gute, sondern auch schädliche Formen hat und der so vielfach als entscheidendes Merkmal des Unterschiedes zwischen deutscher und jüdischer Geistigkeit bezeichnet wird. Doch liegt dieser Rationalismus weder im ursprünglichen Wesen des Judentums, noch beherrscht er es durchgängig. Das beweist der Chassidismus und dessen mystische Grundlage. Aber der gewöhnliche jüdische Cheder gab logische Schulung. In ihr, nicht in einer natürlichen Anlage wurde] jener besondere jüdische Scharfsinn gezüchtet, den wir so häufig beobachten. Eine andere als die religiöse Wissenschaft gab es in der jüdischen Schule nicht und sie war daher wesentlich die Kunst der Auslegung, die zu