Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 311 (sequence 4)
- Language
- German
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Zur Judenfrage 311 als man glauben möchte. Man denke daran, welch ungeheure Geldsummen der Krieg schon gekostet hat, und berechne, ein wie verhältnismäßig kleiner Teil von ihnen genügen würde, in Palästina und den angrenzenden Ländern den Juden ein Heim zu bereiten. Man wird dagegen einwenden, daß es nach dem Kriege ja ganz und gar an Mitteln fehlen werde. Das wird wohl im Anfange so sein, aber ich wenigstens habe die feste Überzeugung, daß die wirtschaftliche Gesundung rascher vor sich gehen wird, als man heute denkt. Alle pessimistischen Voraussagungen vor dem Kriege sind zusehenden geworden. Wohl aber hat er bewiesen, daß für außerordentliche Fälle außerordentliche Mittel aufzubringen sind. Die Herstellung eines jüdischen Gemeinwesens in der asiatischen Türkei wäre aber für die mitteleuropäische Mächtegruppe eine politisch höchst erfreuliche Tatsache. Würde dieser Plan schon bald in die Wege geleitet, wenigstens in sichere Aussicht gestellt, so verlören die ostjüdischen Fragen viel von ihrer heutigen Schwierigkeit. Denn darüber darf man sich nicht täuschen, daß die Lösung dieser Fragen beim Fortbestehen der heutigen Zustände für die Nationaljuden, selbst den besten Willen der Polen vorausgesetzt, wenig befriedigend sein wird. Wir alle hoffen, daß ein selbständiges oder wenigstens autonomes Polen aus dem Kriege hervorgehen wird. Die Nationalpolen empfinden die Existenz von zwei bis drei Millionen Juden als einen Pfahl im Fleische des polnischen Nationalstaates. Sie würden ja den Juden die völlige staatsbürgerliche Gleichstellung gewähren, aber immer mit dem Hintergedanken, sie zu entnationalisieren und zu Polen zu machen. Was B.Segel, der sich als Jude und patriotischer Pole bekennt, will, würde ihnen nicht genügen*); für den Anfang würden sie wohl damit zufrieden sein, aber als den Schlußpunkt der Entwicklung sehen sie die restlose Einschmelzung des Judentums ins Polentum an. Das ist eine Art von Antisemitismus, dem auch viele Juden anhängen, alle Assimilanten. Nun kann er offensichtlich auf absehbare Zeit keine Aussicht auf Erfolg haben. Denn die Ostjuden sind nun einmal trotz allen Assimilantentums, in ihrer großen Masse eben Juden und nichts als Juden, und da sie nicht zerstreut, sondern in geschlossenen Gruppen beisammen wohnen, ist ihre Entnationalisierung völlig hoffnungslos. Hier erhebt sich nun die Frage: ist sie wünschenswert? Diese Frage wird von zwei Seiten bedingungslos bejaht. Erstlich von allen Nationalisten, die nichts im Auge haben, als den möglichst einheitlichen Nationalstaat. Zweitens von allen Internationalisten, deren Endziel kosmopolitischer Mischmasch ist. Sie wird verneint werden müssen von allen Nationalen, die zugleich Internationale sind, weil sie das Recht jeder Nation anerkennen und weil ihr Endziel die Vielgestaltigkeit der Menschheit ist. Nun kommen wir abermals zu der Frage, ob die Juden eine Nation sind. Ich habe schon gesagt, daß darüber nur die Juden selbst zu entscheiden haben. Und die Ostjuden wollen nun einmal weder Polen noch Deutsche sein. So uneinig sie selbst untereinander in vielen Punkten sind (z. B. inbezug auf die hebräische oder jiddische Sprache), so einig sind sie (die meisten Assimilanten eingeschlossen) darin, daß sie Juden sind. Bleibt nur die Frage, ob sie als Nation daseinsberechtigt sind. Denn auch die Meinung gibt es (ich teile sie nicht), daß zu kleine oder zu zerstreute Nationen *) Denn Segel spricht in der „Polnischen Judenfrage" durchaus als warmer polnischer Patriot, aber er bekennt sich auch rückhaltlos zum Judentum.