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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 310

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Zur Judenfrage
Date
1916-08-01
Page
310 (sequence 3)
Language
German
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Engelbert Pernerstorf er: Folge der üblen Eigenschaften war, die die Juden gehabt haben sollen und noch haben, wie ihre Feinde sagen, soll hier nicht untersucht werden. Manche sagen, man habe sie gehaßt, weil sie sich von den anderen abgesondert hätten. Weit wahrscheinlicher ist es, daß sie sich abgesondert haben, weil man sie haßte.*) Wie dem auch immer sei, diese Absonderung war ihnen vom nationalen Gesichtspunkte aus zum Heile.. Das Ghetto hat sie erhalten, wie dies auch Zollschan nachzuweisen sucht.**) Das gäbe denn auch die Erklärung für den langsamen, aber stetigen Rückgang des Judentums in den Westländern. Das Ghetto nun ist im wahrsten Sinne des Wortes im Ostjudentum noch vorhanden. Vor allem in Rußland, dessen ungefähr sechs Millionen Juden auf ein bestimmtes Gebiet und in diesem wieder auf bestimmte Orte angewiesen sind. Hier aHein lebt noch echtes Judentum und hier erhebt sich schwierig und bedrückend die Judenfrage. Sie ist ja auch in den Westländern und auch in Deutschland und Österreich noch nicht völlig gelöst. In diesen beiden Ländern muß der Krieg die endliche Lösung bringen: die ganze staatsbürgerliche Gleichstellung. Die west- und besonders die mitteleuropäische Judenbefreiung war langsam, zögernd und unaufrichtig vor sich gegangen. Immerhin löste sie das Ghetto nach und nach auf, und man kann schon begreifen, daß z.B. B. Segel das Los der Juden in Galizien gegenüber Rußland preist.***) Aber schon Galizien beweist, daß die gesetzliche Judenbefreiung allein das Ghetto nicht auflöst. Sie kann nur dort so wirken, wo die Zahl der Juden klein ist. Schon in Galizien ist die nationale Judenfrage lebendig, da hier die Juden geschlossen beisammen leben. Das moderne Judenproblem liegt also wesentlich im Osten und wäre in seiner ganzen Bedeutung in die Erscheinung getreten auch ohne den modernen Antisemitismus. Dieser hat nur seine Formulierung beschleunigt. Er hat in den westländischen Juden das schon langsam schwindende jüdische Nationalbewußtsein wenigstens in einzelnen Führerpersönlichkeiten wieder lebendig gemacht und so dem Ostjudentum neue Ziele gegeben. Es entstand der Zionismus, der der alten Sehnsucht nach Jerusalem ein Wirklichkeitsideal vor Augen stellte. Es wurde den Nationaljuden klar, daß das jüdische Volk, soll es nicht doch zuletzt im Golus national untergehen, eine gesicherte staatliche Heimstätte haben müsse. Der gegenwärtige Krieg, so sonderbar eine solche Behauptung auch auf den ersten Blick erscheinen mag, bringt den Gedanken der palästinensischen Besiedlung vielleicht mehr vorwärts, *) Der Judenhaß hat mannigfache Gründe. Man muß sie genau prüfen, um nicht irre zu gehen. Ein ententefreundlicher Jude meinte mir gegenüber, der Umstand, daß die Deutschen in der ganzen Welt so viel Abneigung, ja Haß begegneten, müsse doch einen Grund haben. Ich wies ihn auf den Judenhaß, der in der ganzen Welt offen und versteckt vorhanden sei. Die Welt mag uns Deutsche nicht, und es wäre töricht, wenn wir nicht einsähen, daß auch wir selbst genug Veranlassung zu der Abneigung geben. Aber ihr letzter und tiefster Grund Hegt wohl in zweien Dingen: Die anderen verstehen uns nicht, und soweit sie uns verstehen, drückt sie unsere mannigfache Überlegenheit. Sollte es mit dem Judenhasse nicht ähnlich sein? **) Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage von Dr. Ignaz Zollschan. 3. verb. und verm. Aufl. (Wien, Braumüller, 1912). Der Verfasser, selbst Jude, zeichnet sich im allgemeinen durch große Unbefangenheit und Gelehrsamkeit aus. Insbesondere verweise ich auf den 3. Teil, der über den Kulturwert der jüdischen Rasse spricht. ***) Vergl. besonders seine sehr lesenswerte Schrift: „Die polnische Judenfrage" (Berlin, G. Stilke). Ebenso ist seine Anfang 1915 in demselben Verlage erschienene Schrift ,,Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes" höchst beachtenswert. Beide Veröffentlichungen gehören zu den wichtigsten Schriften über die gegenwärtige Lage des Ostjudentums.

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