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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 309

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Zur Judenfrage
Date
1916-08-01
Page
309 (sequence 2)
Language
German
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Zur Judenfrage 309 Frage, oft bejaht und oft verneint, wird wieder auftauchen und leidenschaftlich erörtert werden. Und dahei wird es nicht so sein, daß auf der einen Seite die Juden stehen und ja sagen und auf der anderen Seite die Nichtjuden nein sagen. Vielmehr werden auf der einen und auf der andern Seite Juden und Nichtjuden gegen Juden und Nichtjuden stehen. Mir erscheint die Frage ziemlich müßig. Ob die Juden eine Nation sind oder nicht, darüber steht ausschließlich zu entscheiden den Juden selbst zu. Käme es bloß auf die Westjuden an, so wäre es sehr wahrscheinlich, daß wir eine verneinende Antwort bekämen, denn selbst diejenigen, die auch innerlich der Synagoge treu geblieben sind, fühlen in den weitaus meisten Fällen kulturell und praktisch so mit dem Volke, unter dem sie wohnen, daß sie sich auch national zu ihm bekennen. Außerdem ist ihr zahlenmäßiger Anteil an der Bevölkerung zu gering (in Deutschland kaum ein Hundertstel, in den übrigen Westländern noch geringer), so daß sie sich gleichsam nur künstlich und nur infolge der starken rassischen und religiösen Überlieferung in ihrer Sonderart erhalten können. Sie zu bewahren wird um so schwieriger, je mehr die kirchlich-gerichtete Religiosität ganz allgemein schwindet und je mehr die Mischheiraten zunehmen, deren Nachkommenschaften zum größten Teile dem Judentum verloren gehen. So ist für Deutschland wenigstens der Rückgang des Judentums von Theilhaber schon statistisch nachgewiesen worden.*) Die Mischehen scheinen sehr gute Ergebnisse zu liefern. Dafür sind viele bemerkenswerte Beispiele zu finden. Es gäbe also keine Judenfrage und insbesondere keine Frage nach einer jüdischen Nationalität, wenn wir es nur mit den Westjuden zu tun hätten. Viele von diesen, die sich vom Judentum innerlich losgelöst haben, fühlen ihre äußerliche Zugehörigkeit zu ihm als eine hemmende Fessel. Diese empfinden es als das tragische Schicksal des jüdischen Volkes, daß es nicht zu sterben verstanden hat, wie so viele andere Völker der Weltgeschichte. Ist doch das heutige Europa ein Leichenfeld untergegangener Völker! Man denke an Spanien, Italien und Frankreich, wo edelstes germanisches Volksgut völlig in der ursprünglichen Bevölkerung aufgegangen ist. Freilich nicht ohne unvergängliche Spuren hinterlassen zu haben. Hier in Europa handelt es sich um den Tod junger Völker. Aber in Asien sind alte große Kulturvölker verschwunden, wie die Assyrer und Babylonier. Individuell betrachtet hat dieses tragische Schicksal nun allerdings namenlosen Jammer in die Welt gebracht. Der gläubige Jude aber, der sich als ein Glied des »auserwählten" Volkes betrachtet, blickt zwar mit Schmerz auf das Meer von Blut und Tränen, durch das sein Volk gegangen, aber diesem Schmerz gesellt sich doch auch ein Gefühl von hohem Stolze. Tod und Verderben, Hohn und Erniedrigung hat dieses Volk getragen und sich innerlich nicht gebeugt. Wer nicht an die „göttliche Führung" und an die „Auserwähltheit" glaubt, wird nach den wirklichen Ursachen forschen, durch die das jüdische Volk in den Stand gesetzt wurde, sich zu erhalten. Dabei wird sich ergeben, daß eine dieser Ursachen gewiß eine übermächtige nationale und rassische Anlage ist, die durch die Religion gestärkt wurde. Sie allein hätte aber kaum genügt. Was das individuelle Unglück der Juden war, das war ihr nationales Glück. Von dem Augenblicke an, als das jüdische Volk in die Zerstreuung geschickt wurde, begegnete es dem Hasse der anderen Völker. Ob dieser Haß eine *) Der Untergang der deutschen Juden. Eine volkswirtschaftliche Studie von '.Felix A.Theilhaber (München, Reinhardt, 1911).

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