Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Zur Judenfrage
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 308 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Engelbert Pernerstorfer: ZUR JUDENFRAGE Es gibt viele, die es ablehnen, unsere Zeit groß zu nennen. In gerechter Abschätzung soll zugegeben werden, daß sie von ihrem Blickpunkte aus recht haben. Aber das wird wohl von allen Seiten zugestanden werden, daß sie entscheidungsreich ist. Ich gehöre nicht zu jenen allzu Zuversichtlichen, die da glauben, daß nach dem Kriege sofort mächtige Wandlungen eintreten werden. Aber daß ein so ungeheures Weltgeschehen ohne äußere und innere Folgen bleiben könne, daß es nachher wieder genau so sein wird, wie vorher, das erscheint mir völlig unwahrscheinlich. Vor allem haben wir alle schon jetzt etwas erlebt, was sehr vielen als unglaubwürdig erschien. Das ist die Wucht des nationalen Gedankens. Der Aufschwung des nationalen Gedankens schien vielen hinter uns zu liegen, sie meinten, nun käme die Zeit des Übernationalismus, Internationalismus, Kosmopolitismus und Pazifismus. Das 19. Jahrhundert sei das Jahrhundert des Nationalismus gewesen, das 20. werde das Jahrhundert des Sozialismus werden. Sie ließen ganz außer acht, daß uns das 19. Jahrhundert durchaus nicht die Lösung des Nationalitätenproblems gebracht hat. Die Aufrichtung der beiden nationalen Staaten Deutschland und Italien bedeutet noch lange nicht die Lösung des europäischen Nationalitätenproblems. Gewiß wird der gegenwärtige Krieg nicht wegen dieser Lösung geführt, aber er muß sie zur Folge haben. Denn das wird nunmehr auch den blödesten Augen klar, daß die Tatsache der Nation eine unentrinnbare ist, und die Zahl jener, die sie vor dem Kriege zu bagatellisieren nur zu geneigt waren, wird nach dem Kriege sehr zusammengeschmolzen sein. Um einen guten Zustand inter nationes (den echten Internationalismus) herzustellen, müssen vorerst die befriedigten Nationen da sein. Das wird auch nach dem Kriege noch eine Weile dauern. Aber es wird damit angefangen werden müssen. Jene falschen Internationalen, die ich nach der Analogie von Nationalen und Nationalisten lieber die Internationalisten nenne, werden erkennen müssen, daß das Ziel der Menschheitsentwicklung nicht in einem chaotischen Durcheinander atomisierter Individuen, sondern im geordneten Kosmos nationaler Gruppen besteht. Daß die Unterschiede sich nicht abschleifen, sondern verstärken. Nicht einer armseligen Uniformität, sondern einer bunten Mannigfaltigkeit geht die Menschheit entgegen. Das hat schon ein so eingefleischter Individualist wie Wilhelm von Humboldt gesehen, der meint, daß gerade durch die feinere Ausbildung der Sprache, der Philosophie und der Kunst die Individualität und die Verschiedenheit der einzelnen Nationen zunehmen, das innige Verstehen verschiedener Nationen schwerer werden würde. So erblickte er in der höchsten Betätigung der Menschheit die Lebenswurzel der Nation. Nicht in einer weltbürgerlichen Verschmelzung, sondern in der nationalen Differenzierung sah er die Tendenz einer sich erhöhenden Kultur.*) Um wieviel tiefer ist diese Anschauung des großen Mannes und um wieviel realistischer als das flache Geschwätz der Internationalisten, die die Geschichte nicht verstehen, sondern kommandieren wollen! Alle Nationen werden nach dem Kriege kommen und die Tafeln ihrer Forderungen aufstellen. Auch die Juden werden kommen. Ja, sind sie denn eine Nation? Diese *) Ich zitiere nach „Weltbürgertum und Nationalstaat". Von Friedrich Meinecke. 3.A. (München, Oldenbourg, 1915) S. 50.