Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Ein Maximalprogramm der jüdischen Kolonisation in Palästina
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 303 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Maximalprogramm der jüdischen Kolonisation in Palästina 303 Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß Prof. Ballods Betrachtungsweise in gewollter Einseitigkeit die großen Erwerbsmöglichkeiten von Industrie, Handel- und Verkehrswesen beiseite läßt, die sich einer großen jüdischen Einwanderung nach dem türkischen Palästina bieten, obwohl man doch mit absoluter Sicherheit sagen kann: erstens, daß das ostjüdische Element sich von vornherein viel eher zu industrieller Betätigung eignet, als zu landwirtschaftlicher (obzwar Ballods „industrialisierte Landwirtschaft" aller Wahrscheinlichkeit nach sich den Neigungen wie auch der Eignung der Ostjuden vorzüglich anpassen läßt), wie auch, daß — von einer anderen gewollt einseitigen Betrachtung aus — das wachsende Industriebedürfnis der Türkei auch seinerseits für die Lösung des gesamten ostjüdischen Problems Raum bietet. Diese letztere Frage werde ich in Ergänzung von Prof. Ballods Aufsatz demnächst (ebenfalls in der „Europäischen Staats¬ und Wirtschaftszeitung") behandeln. Hat nun Prof. Ballod in seiner hier ganz kurz skizzierten und ziffernmäßig wohlbelegten Arbeit die ernsthafte Diskussion der palästinensischen Lösung der Ostjuden- Frage auf ein Niveau gehoben, von dem aus sie hoffentlich nie wieder zur Kleinlichkeit der bisherigen Maßstäbe zurücksinken wird, so soll hier gleichwohl eine Untersuchung darüber angestellt werden, wie weit man — zum mindesten für Zwecke des Anfangs — den Ballodschen Maßstab wird reduzieren dürfen, ohne daß diese Reduktion an die großwirtschaftlichen Grundlagen der Ballodschen Lösung rührt. Die bisherige jüdische Kolonisation in Palästina hat sich im Laufe eines Menschenalters und eigentlich erst im Laufe der letzten fünfzehn Jahre von einem großen Mißerfolg bereits zu den Anfängen eines Erfolges durchgerungen. Dies spricht in hohem Maße für die Gesundheit des ganzen Planes. Auch die größten Gegner der jüdis chen Palästina-Arbeit können — soweit sie den Tatsachen zugänglich sind — nicht daran vorübergehen, daß wir jetzt etwa 45 landwirtschaftliche Siedlungen von bis zu 3000 Einwohnern für die Einzelkolonie und mit einer Gesamtzahl von etwa 12000 Seelen haben, deren Gesamtareal auf mehr als 50000 Hektar zu schätzen ist. Diese Kolonien waren kurz vor dem Kriege bereits in ein ziemlich sicheres Stadium gelangt, und wenn sie den Krieg selbst ohne allzu große Erschütterungen haben überstehen können, so spricht dies sicherlich für die Lebensfähigkeit der ganzen Bewegung. Immerhin sind der Schwierigkeiten von Anfang an nicht wenige gewesen, und in der größten Mehrzahl der Fälle dürfte es die Kleinheit jener Anfänge gewesen sein, die den Hauptgrund für diese Schwierigkeiten abgab. Zwar hat bereits nach den ersten Jahren tastender Versuche Baron Edmund Rothschild die jüdische Kolonisation in Palästina sozusagen unter seinen Schutz genommen und — alles allem — mit reichlichen Geldmitteln versehen, aber näher betrachtet hat der Rothschildsche Geldstrom (der im ganzen auf über 60 Millionen Franken angewachsen war) in seiner Art sozusagen Überschwemmungscharakter gehabt, neben dem andere Gebiete wieder unter zu großer „Trockenheit" gelitten haben. Es fehlte in der bisherigen jüdischen Kolonisation in Palästina fast überall an dem vorbedachten Plan und den von vornherein gesicherten Mitteln; die Anlage der Kolonien erfolgte nach zufälligen Landkaufsmöglichkeiten, und auch die Zusammensetzung der Kolonistenelemente ließ fast alles zu wünschen übrig. So kam