Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Ein Maximalprogramm der jüdischen Kolonisation in Palästina
Date
1916-08-01
Page
302 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105800--0441-3105849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

302 Davis Trietsch: tiert, die nur einem ganz geringen Teil der Leistungsfähigkeit entspricht. Nun liegt es auf der Hand, daß der freie, weitaus größere Teil der Arbeitskraft und -Zeit der Einwanderer doch nicht ungenutzt bleiben wird, und so würde die geplante Massenansiedlung mit den besten Aussichten auf eine baldige Oberwindung der Schäden von Unterdrückung, Krieg und Aufgabe der bisherigen Existenzen in die Wege geleitet werden können, wie ja überhaupt moderne rationelle Wirtschaft in viel kürzerer Zeit zu Erfolg und selbst zu Wohlstand führt, als es noch etwa vor einem Menschenalter möglich gewesen wäre. Die Kostenfrage dieser Umsiedlung größten Maßstabes denkt sich Prof. Ballod wie folgt. Den Landerwerb schätzt er unter Voraussetzung entsprechender Abmachungen auf 350 Millionen, die Herrichtung für den Großbetrieb (künstliche Bewässerung, Elektrizitätswerke, Maschinenanlagen, Bauten und Inventar, Kunstdünger, Sämereien usw.) auf 750 Millionen und die Herstellung von 1,2 Millionen Garten- und Hausanlagen auf 2400 Millionen Mark oder alles in allem rund dreieinhalb Milliarden. Diese große Summe verteilt sich nun zunächst so, daß auf den Kopf nur 600 Mark entfallen. Da ein ziemlich beträchtlicher Teil der ostjüdischen Bevölkerung doch über mehr oder weniger Mittel verfügt, und bei einer geordneten über mehrere Jahre verteilten Abwanderung auch die Liquidierung der bisherigen Geschäfte usw. ohne allzu große Verluste durchzuführen sein wird, so kann man annehmen, daß ein ziemlich großer Teil der Gesamtsumme schon auf diesem Wege verfügbar werden würde. Andererseits wird der Durchschnittsbetrag von 3000 Mark per Familie auch für die mittellosen Elemente auf einer geschäftlichen Basis aufzubringen sein, wenn die Rentabilität hinreichend gesichert erscheint. Da von der einzelnen Familie aber an Verzinsung, an Steuern, für Dünge- und Reparaturkosten nur etwa 260 Mark im Jahr aufzubringen wären (ein Betrag, den dieselbe Bevölkerung unter den bisherigen meist sehr viel weniger günstigen Lebens- und Erwerbsverhältnissen wohl ebenfalls aufzubringen hatte), so dürften dem Großkapital hinreichende Sicherheiten geboten werden können, um es zur geschäftsmäßigen Betätigung in einer solchen Ansiedlungshilfe zu veranlassen. Hierbei wird es dem Verfasser gestattet sein, darauf hinzuweisen, daß die geschäftsmäßige Ansiedlungshilfe ganz großen Maßstabes nach diesem Kriege nicht nur für den Fall der Juden und Palästinas in Betracht kommt, sondern beim Wiederaufbau zahlreicher verwüsteter Provinzen und bei den verschiedenartigsten Um- und Ansiedlungen in Mittel- und Ost-Europa ebenso wie im Südosten und in Vorderasien. Sehr möglich, daß ein wesentlicher Teil des in der Kriegswirtschaft organisierten Großkapitals sich gern dieser Gelegenheiten bedienen wird, die einen Übergang von der Kriegswirtschaft zur kommenden regulären Friedenswirtschaft darstellen.*) *) In dem Werke von Bolton Hall: „Three Acres and Liberty" (The Macmillan Comp. New-York, 1907. Das Buch ist im übrigen eine Fundgrube von Materialien über hohe Rentabilität kleinster Besitztümer, — drei Acres sind 1,2 Hektar, und was der amerikanische Autor hier unter „Liberty" versteht, ist nicht etwa die Freiheit zu verhungern, sondern ein Leben in Wohlstand und ein Wachsen des Bankkontos noch dazu) findet sich folgender Kernsatz: „Auf keinem Gebiete hat gemeinsames Vorgehen mehr Aussicht, zur Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen zu führen und der menschlichen Gesittung zu dienen und gleichzeitig die aufgewandten Mittel mit größerer Sicherheit zu verzinsen, als bei einer systematisch darauf gerichteten Tätigkeit, Leuten zu ländlichem Eigentum zu verhelfen.*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.