Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 299 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens 299 Warschau sehr interessant. Vor hundert Jahren spielte Berditschew, dieses Jerusalem von Wolhynien, eine große Rolle im ökonomischen Leben der russischen Juden. Vor fünfzig, sechzig Jahren waren in Berditschew nicht weniger Juden als in Warschau. Jetzt sind in Warschau fünfmal so viel Juden als in Berditschew, und die ökonomische Bedeutung beider Städte im Leben der russischen Juden kann gar nicht miteinander verglichen werden. Das Aufblühen der Warschauer jüdischen Gemeinde und das Welken der Berditschewer läßt sich nur dadurch erklären, daß die erste ein Zentrum jüdischen Handwerks und jüdischer Fabrikation, die zweite ein Zentrum jüdischer Vermittlerei ist. Die Kompaktheit der jüdischen Massen wurde zu einem der mächtigsten Faktoren des jüdischen nationalen, kulturellen und politischen Auflebens. Die Arbeit, die den Massen die Möglichkeit der Konzentrierung gab, machte diese Massen auch selbständiger in ihrem sozialen Leben und darum auch freier in ihrem kulturellen Schaffen, organisierter in ihrem politischen Tun. Alle diese Erscheinungen gehen Hand in Hand — die jüdischen Massen gehen zur Arbeit über, konzentrieren sich in großen Gemeinden, und als arbeitende und kompakte Massen beginnen sie ein sozial, politisch und kulturell selbständiges Leben zu schaffen und auf diese Weise den ehemaligen Tausch- und Abhängigkeitscfearakter des jüdischen Daseins umzuwandeln. 6. Wirft man, wenn auch nur flüchtig, einen Blick auf die ganze weite Fläche, auf der die vielen Inseln der jüdischen Bevölkerung zerstreut, oder vielleicht besser: gesät und gepflanzt sind, so kann man unschwer erkennen, daß das jüdische Volk im ganzen letzten Jahrhundert nolens volens auf der Wanderung begriffen ist: vom Dorf und Städtchen in die nahe größere oder große Stadt, von einem Rayon in den anderen, von einem Staat in den anderen und schließlich von einem Weltteil in den anderen. Die äußere Seite dieses Prozesses — der Wechsel in der geographischen Ausdehnung des jüdischen Lebens — hat bei den Assimilanten die falsche Illusion des Verschwindens in der nicht jüdischen Umgebung hervorgerufen, und sie begannen die Tage unseres Volkes zu zählen. Die Rechnung war sehr einfach: je größer die Fläche, desto weniger Juden an einem Ort (wenn nicht absolut, so doch relativ); daher müssen die Juden, als unbedeutende Minderheit, von der Umgebung verschlungen werden. Die Assimilanten, die für die negativen Seiten des jüdischen Lebens ein sehr scharfes Auge hatten (und darin — in der Kritik —■ liegt gewiß ihr größtes historisches Verdienst), waren blind für das Neue, Positive, das auf den Trümmern der alten jüdischen Welt emporblühte. Darum verstanden sie auch nicht den tiefen inneren sozial-geschichtlichen Sinn, den diese Wanderung von einem Ort zum anderen in sich trug. Sie sahen nicht, daß alle erwähnten Bewegungen ausnahmslos von einer sozialen Kraft hervorgebracht wurden —■ von dem Bedürfnis, die sozialökonomische Struktur des jüdischen Lebens zu ändern; sie sahen nicht, daß alle diese Bewegungen ausnahmslos in sich ein und dieselbe nationale Energie tragen: sich 2u konzentrieren, aneinanderzuschließen und zusammenzufassen. Jetzt, da der Prozeß schon seinen Höhepunkt erreicht hat, ist es für jeden klar, daß sowohl in der Wanderung von Litauen und Wolhynien nach Südrußland als auch in der Emigration von Rußland nach London und Paris und besonders nach Amerika und in all diesen für die Assimilation geographischen Verschiebungen ejne tiefe soziale Verwandlung gelegen ist, die zur nationalen Erneuerung führt. 21*