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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 298

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
Date
1916-08-01
Page
298 (sequence 1)
Language
German
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298 Jakob Leszczynski: FRAGEN DES OSTJÜDISCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS 5. Die soziale Differenzierung brachte schon zu Anfang der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts neue Farben auf der großen Karte der jüdischen Mäklerwelt hervor. Sie trug schon damals in den eintönigen jüdischen Schenk- und Marktchor neue Töne. Aber erst die ausgebildeten, genügend vertieften sozialen Gegensätze und Differenzen machten zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts diese Farben bestimmter, die Töne klarer — der soziale Kampf auf der jüdischen Gasse zieht die breitesten Massen in das politische und kulturelle Leben des Landes, schlägt eine Brücke zwischen den jüdischen Massen und den allmenschlichen sozialen und politischen Idealen. Die Haskalah hatte Einzelne vom jüdischen Organismus losgerissen und sie durch die russische Kultur mit der russischen Kultur verbunden; der soziale Kampf riß den jüdischen Organismus selbst, das ganze jüdische Volk aus seiner mittelalterlichen Erstarrung und verband es durch die nationale Kultur mit der allmenschlichen Kultur. Die jüdischen Massen begannen zum erstenmal einen unmittelbaren Anteil am jüdisch-kulturellen Schaffen zu nehmen. Welcher treibende Faktor das für unser ganzes nationale Leben wurde, welche neuen Perspektiven das für unsere nähere und fernere Zukunft eröffnet, kann hier nicht dargelegt werden. Wir wollen nur auf eine soziale Erscheinung hinweisen, die allein durch den charakterisierten Prozeß des Übergangs von Vermittlerei zu Arbeit hervorgerufen wurde und die ihrerseits den größten Einfluß auf die politische und kulturelle Erneuerung des jüdischen Lebens hatte — wir meinen die Tacsache, daß die jüdischen Massen sich in den großen Städten konzentrierten. Man spricht bei uns oft von Juden als von Städtern. In Wirklichkeit ist das unrichtig, denn vor hundert Jahren lebte ein sehr großer Prozentsatz Juden in Dörfern. Allerdings waren die Juden, obwohl sie in Dörfern lebten, der Art ihrer Berufe und ihrem sozialen Charakter nach Städter; sie waren aber damals überallhin zerstreut wie vereinzelte einsame Ähren auf einem großen weiten Feld. Die jüdischen Städtchen waren doch nur besondere jüdische Dörfer mit allen charakteristischen Merkmalen und Nuancen eines Dorflebens, nur ein wenig nach jüdischer Art „gewendet". Das Charakteristische der letzten fünfzig Jahre ist Kompaktheit — die Juden sammeln sich in großen Massen an einem Ort, leben kompakt und konzentriert. Diese Kompaktheit trägt eine Menge neuen Materials für ein modernes jüdisches Leben in sich. Die jüdische Mäklerei und Krämerei trieben einen Juden vom andern, zerteilten und zerstreuten, zerspalteten und desorganisierten. Während des 17. und 18. Jahrhunderts sehen wir in den Gemeindebüchern, wie eine Gemeinde mit der anderen im Kampfe liegt; sie läßt keine „Fremden" zu sich ein, legt den „fremden" Juden schwerere Steuern auf und läßt sie, wenn sie sich eingedrängt hatten, nicht zu den Wahlen und dem Kahal zu. Die jüdischen Gemeinden bildeten zu jener Zeit eigenartige, auf dem eigenartigen jüdischen ökonomischen Boden gewordene Mäkler- und Krämergilden, von denen jede für sich einen besonderen Platz mit einer gewissen Einwohnerzahl monopolisierte. Erst im 19. Jahrhundert beginnen sich größere jüdische Gemeinden zu bilden, die Zentren der jüdischen Arbeit werden. Die jüdische Arbeit verbindet und verknüpft, zieht an und konzentriert, vereinigt und organisiert. In dieser Hinsicht ist die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Berditschew und

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