Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 300 (sequence 3)
- Language
- German
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300 jakob Leszczynski: Fragendes ostjüdischen Wirtschaftslebens Die Konzentration ist das Charakteristische all dieser Bewegungen. Unter Konzentration verstehen wir nicht nur die Ansammlung von Zehn- und Hunderttausenden in den großen Städten, sondern auch den Zusammenschluß kleinerer Massen in Kolonien. Beides, sowohl die Konzentrierung in den großen Städten wie auch die Isolierung in den ständigen Kolonien ist von ein und derselben historischen Notwendigkeit hervorgerufen; beides trug neue soziale Energie in sich; beides führte zu positiven, erfrischenden, fruchtbaren und erneuernden Resultaten. In Odessa eine Gemeinde von 150000 Juden und daneben eine ganze Reihe Kolonien mit Zehntausenden von Juden, das kolossale jüdische New York und nahebei die wunderbare Kolonie Woodbine —so verschieden diese Erscheinungen auch sein mögen, so sind sie doch im jüdischen Leben von ein und derselben Ursache hervorgerufen: von der Tatsache, daß die Vermittlerei beim Gutsbesitzer und Bauern ihren Boden verloren hatte; sie brachten beide ein und dieselbe soziale Reform mit sich: den Übergang der breiten Massen von einem Tauschleben zu einem Arbeitsleben; sie führten beide zu einem Resultat: zur Schaffung eines selbständigen, freieren, festeren jüdischen Lebens. In der einen Erscheinung ist das Quantitative, das Moment der Konzentration leichter erkennbar; in der anderen ist das Qualitative, die radikale soziale Änderung, das Moment der Isolierung von den anderen hervorstechender —• aber die innere Struktur beider ist die Zusammenfassung, die Annäherung an die produzierenden Formen des Lebens, der Übergang von dem Schweben zwischen den Klassen als besondere Klasse zur Verselbständigung als ganzer Organismus, der Übergang vom Einförmigen, Primitiven zum Vielförmigen, Komplizierten, von der einheitlichen Volksklasse zum differenzierten Volksorganismus. Nicht nur in der modernen großen Stadt wurde die ehemalige gleichmäßige und arme kleinstädtische Arbeitsmasse in entgegengesetzte Klassen geteilt. Vergleicht man eine heutige jüdische Kolonie mit einer ehemaligen Tunjadewker oder sogar mit einer modernen Kasrielewker, der Erbin der Tunjadewker*), so ist die erstere viel reicher an sozialen Farben und Tönen. Nehmen wir z. B. die argentinischen Kolonien, die aus geflüchteten Kasrielewkern bestehen, so finden wir dort eine ganz stattliche Anzahl verschiedener und entgegengesetzter Klassen: Erdbesitzer, Bodenarbeiter, Kaufleute, die mit Getreide handeln, Krämer, Werkstattbesitzer, Handwerker, Vertreter von liberalen Berufen — und alle sind Juden. Es ist nicht das ehemalige graue und arme Naturdorf. Es ist ein grober Fehler, zu glauben, daß ein Kolonist werden, für den Kasrielewker Juden heiße, aus einem Stadtbürger ein Dorfbauer werden d. h. eine oder gar einige Stufen auf der sozialen Leiter herabsteigen. Gerade umgekehrt: sich aus Kasrielewke nach einer argentinischen oder kanadischen Kolonie retten, bedeutet ein soziales Aufsteigen, einen sozialen Fortschritt. Eine jüdische argentinische Kolonie ist nicht nur schöner und gesünder als das durchweichte Tunjadewke und das ausgetrocknete Kasrielewke, sondern auch, wie gesagt, reicher an gesellschaftlicher Differenzierung, an sozialer Abstufung, und deshalb reicher an Stoff für ein weiteres, inhaltsvolleres kulturelles Leben, reicher an Perspektiven für ein gesundes und volles nationales Schaffen. Von Kasrielewke nach einer argentinischen Kolonie übersiedeln, bedeutet daher nicht nur ein soziales, sondern auch ein kulturelles Aufsteigen, wenn auch das letztere sich aus vielen Gründen erst später, in der zweiten oder dritten Generation, erweisen wird. Jakob Leszczynski *) Tun jadewke und Kasrielewke nehmen in Scholem Alejchems Kleinstadtromanen einen breiten Raum eini