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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 295

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich
Date
1916-08-01
Page
295 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich 295 scher Kreise, von nationaler Anähnlichung ist in Galizien kaum eine Spur. Dies ist den Polen ganz gut bekannt und in der wissenschaftlichen Literatur, wo die Wahrheit zu Worte kommt, ist diese Erkenntnis zu finden. Es wäre also hoch an der Zeit, ernstlich auch der positiven Seite der jüdischen Politik das Augenmerk zu schenken, zumal sich bloße Kritik auf die Dauer nicht erhalten kann. Der Sammelruf lautet: nationale Organisation. Es handelt sich um die Organisationsform, welche dem zerrütteten wirtschaftlichen Körper und dem sozial, kulturell, mithin also national ohnmächtigen Volke jene Kraft verleihen könnte, die den Genuß des bürgerlichen und nationalen Existenzminimums zu ermöglichen imstande wäre. Um die Mobilisierung der Kräfte und Konzentrierung der Mittel handelt es sich in dieser schicksalsschweren Zeit. Seriöse Politiker von Fach, Beruf oder Neigung, welche die Juden nicht ohne Wohl« wollen behandeln, meinen, die jüdische Frage spitze sich eigentlich auf die Frage der Gleichberechtigung zu. Nach dieser Auffassung wäre die Frage sonach lediglich eine Verfassungsfrage. So meint auch Friedrich Naumann in seinem berühmten Buche und trifft somit gleich anderen Politikern von Fach, Beruf oder Neigung die Sache an der Peripherie und nicht in ihrem Kern, Man müßte das Wesen aller sozialen Erscheinungen stark verkennen, wollte man ein Knäuel von verschiedenen Fragen mit Gewährung von Rechten abtun. Die Judenfrage als Verfassungsfrage ist ja bloß in Rußland und Rumänien aktuell — die Erwirkung von bürgerlichen Grundrechten wäre also höchstens dort zu erwünschen. In Österreich ist die Verfassung nunmehr über ein halbes Jahrhundert alt: die ausgesprochene Gleichberechtigung der Juden hat also genau dasselbe Alter. Dennoch wird immer wieder schüchtern oder mutig die Gleichberechtigungsfrage aufgeworfen. Es gilt aber die Gleichstellung zu erwirken, d. h. vor der Verwaltung das zu sein, was wir bereits vor der Verfassung sind. Denn die Juden sind auf dem Gebiete der nationalen Rechte beschränkt, was konsequenterweise zur Beschränkung staatsbürgerlicher Rechte führen muß> weil die Nationsgenossen als Zugehörige der jüdischen Nationalität nichts erhalten und mithin wegen der Beschränkung keine Beschwerde erheben können. Der Erkämpfung der vorenthaltenen Rechte muß eine straffe nationale Organisation vorangehen, denn Rechte sind bloß Feststellungen von gegebenen Machtverhältnissen. Daher das zweite Postulat: Die jüdische Politik, jüdische Organisation muß sich auf alle Juden stützen. Das ist kein Schlagwort, und soll in Zukunft erst recht keines sein, denn — und hier kommen wir zum Zentralproblem — wir müssen uns an die alten, bereits bestehenden Organisationsformen des jüdischen Lebens anschließen. Dadurch vollziehen wir die gewaltige Revolution in unserem arg zerrütteten öffentlichen Leben, ohne Katastrophen, durch die heilsame Entwicklung und Anpassung. Der weitere Sammelruf ist: Zu den jüdischen Gemeinden zurück! Man gieße guten Inhalt in die alte Form! Die bestehenden Gemeinden sind nichts weniger als mustergültig. Ihre Schwäche Üegt in ihrer Isoliertheit, welche eine einheitliche wirtschaftliche und kulturelle Tätigkeit ungeheuer erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Es ist begreiflich, daß eine kleine Gemeinde kaum die allerdringendsten religiösen Bedürfnisse der Mitglieder befriedigen kann. Der über alles Maß eingeräumte Einfluß der staatlichen

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