Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 294 (sequence 5)
- Language
- German
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294 Max Rosenfeld: Die gesamte jüdische Wählerschaft wurde dem polnischen Einflüsse überliefert; für die Ruthenen wurde ein eigener Kataster geschaffen. Die langen Verhandlungen, der Kuhhandel zwischen Polen und Ruthenen hatte das politische Los der jüdischen Bevölkerung mitbestimmt. Um die Juden — die politische res mancipii —■ wurde kein geringer Streit ausgefochten. Sowohl die bisherige „Herren"nation, die Polen> als die unterdrückte Bauernnation, die Ruthenen, waren in der Grundfrage einig: in der Petrifizierung der politischen Unfreiheit der Juden. Der Streit ging nur noch um das Fell des lebenden Bären. Die Polen haben gesiegt, und die jüdische Bevölkerung wird nun weiter den nationalen Besitzstand der Polen vergrößern müssen. Die politische Nutznießung wurde durch diese Wahlreform sozusagen grundbücherlich eingetragen, was sicherlich ein nationales Unrecht bedeutet, weil dadurch ein Präjudiz geschaffen wurde. Die Zugehörigkeit zur polnischen Nationalität wurde gesetzlich fixiert, indem die Juden von vornherein dem polnischen nationalen Kataster zugewiesen wurden. In der Bukowina liegen die Verhältnisse etwas anders. Der Bukowinaer Landtag hat, dem tatsächlichen Einfluß der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragend, den Mut gehabt, einen einhelligen Beschluß zu fassen, auch eine fünfte nationale Kurie — die jüdische — zu schaffen. Die Zentralregierung hat auf das Kesseltreiben der Polen, deren jüdischen Helfer aus dem Polenklub und der Wiener Liberalen hin — die ein jüdisches „Wahlghetto" befürchteten, diese Forderung abgelehnt, und so wurden die Juden mit den Deutschen Bukowinas in eine deutsche Kurie zusammengedrängt. Bei den im April 1911 stattgefundenen Landtagswahlen drohte der deutsche Kataster sich in Wirklichkeit in einen jüdischen zu verwandeln, denn die arischen Deutschen wurden eigentlich von der Juden Gnade in den Landtag entsendet. Ein Antrag auf Änderung der Wahlordnung dahin, daß eine Scheidung in einen deutschen und einen jüdischen Kataster durchgeführt werde, ist denn auch schon im Januar 1913 eingebracht worden. Wir glauben, daß die Regierung früher oder später den Widerstand wird aufgeben müssen, um das Deutschtum zu retten, und wenn man will, kann Bukowina den anderen Ländern mit jüdischer Massensiedlung den Weg der weiteren Entwicklung zeigen. An diese Tatsachen des öffentlichen Lebens muß alle jüdische Realpolitik anknüpfen. Keine vernünftige Politik in des Wortes ernster Bedeutung darf ungestraft die Tatsachen der Entwicklung des eigenen Volkes verkennen. Leider ist das bei der praktischen Führung des jüdischen Volkes in ungewöhnlichem Maße geschehen. Man wußte nicht, wie die eigentliche nationale Diaspora, die Dispersion im Lichte der Tatsachen ausschaut, aber in großen Zügen verkannte man sie nicht und gab sich damit zufrieden, in der Assimilation die Panazee zu sehen. Durchgeführt wurde nicht die wirkliche soziale und kulturelle, sondern eine spezielle Eigenart derselben — die politische, welche in der Lehre gipfelte, die Juden könnten als Minorität keine andere Politik treiben, als die ihres gegebenen „Wirtsvolkes", also eine Politik des Hörigen, des Hintersassen der jeweiligen „Herrennation". Es war die Politik der abhängigen Masse, für Einzelne eine Quelle von allerhand Vorteilen. Die selbständige jüdische Politik hat an der Kritik dieser falschen Richtung angesetzt; das war richtig und im Momente einzig gegeben. Die schädlichen Methoden der offiziellen jüdischen Politik, die Wege der politischen Hörigkeit mußten ins richtige Licht gerückt werden. Denn von eigentlicher Assimilation größerer jüdi-