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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 293

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich
Date
1916-08-01
Page
293 (sequence 4)
Language
German
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Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich 293 Bekenntnisses der Juden; — die Grenzen der Macht und Größe bilden gleichzeitig das, was wir die Demarkationslinie der jüdischen politischen Assimilation nennen. Mit dem nationalen Bekenntnis zugunsten der einen wuchs der Haß auf der Seite der andern Nation, weil beide um das politische Giro der Juden buhlten. Das Studium der Statistik beweist die vollzogene Wandlung und vorgenommene Änderung; beide stehen mit der sozialen, nationalen und politischen Verschiebung im Lande im engen Zusammenhange. In Galizien waren die Juden nacheinander ihrem nationalen Bekenntnis nach erst Deutsche, dann Polen; seit 1900 finden wir schon auch eine Verbeugung vor den Ruthenen, sie ,,vergrößern" nunmehr ihren nationalen Besitzstand. Die Juden machen durch ihre Haltung bald die eine, bald die andere Nation im Lande zur Majorität. Dabei begehen sie katastrophale Fehler insbesondere dort, wo Vorsicht geboten ist: so in nationalgemischten Bezirken Ostgaliziens. Bei der Wahl der Sprache bedenken sie nicht, daß es sich um die Wahl des politischen Pächters handelt. Im Kampfe zwischen zwei oder mehreren Nationen, wie er in Galizien und in der Bukowina mit Vehemenz wütet, ist stets zu bedenken, daß nicht nur der Standpunkt des eigenen Interesses auf die Dauer maßgebend ist, sondern auch der Standpunkt der zweiten Nation, der durch das eventuelle Bündnis mit ihrem Gegner Schaden zugefügt wird. Die Juden verstanden diese Wahrheit nicht: sie dienten in Galizien zuerst dem deutschen Interesse, hernach dem polnischen und zuletzt teilweise dem ruthenischen. In Böhmen stehen sie zwischen Tschechen und Deutschen und pendeln hin und her. In dem am meisten nach Osten gerückten Bukowina haben die Juden gleichfalls eine germanisatorische „Mission" gespielt, trotzdem das Land durchwegs von Ruthenen und Rumänen bewohnt ist. Sie haben es dort als die zahlreichsten Vertreter der Berufsintelligenz zuwege gebracht, daß die deutsche Sprache die offizielle des Landes ist, daß in diesem klassischen Lande der deutschen Minorität eine deutsche Universität gegründet worden ist. Diese nationale Unzuverlässigkeit verursacht politische Unzuverlässigkeit; das Verlangen, ein Übergewicht auf Kosten einer fremden Nation zu erlangen, wird leicht zu einem gefährlichen Experiment: der heutige Bundesgenosse wird auf Grund des falschen, geänderten Bekenntnisses zum Gegner, was natürlicherweise zu einer Labilität der nationalen Verhältnisse führen muß. Allmählich bricht sich bei den Politikern die Erkenntnis Bahn, daß die sogenannte Umgangssprache, welche die offizielle Statistik zu erfassen sucht, kaum die Verhältnisse, unter denen die Einzelnen leben, noch weniger die der Nationalität wiedergibt, da bei der Angabe der Nationalität stets veränderliche äußere Verhältnisse maßgebend sind. Mit Recht bezweifeln einsichtsvollere polnische Statistiker und Publizisten die Aufrichtigkeit des jüdischen Bekenntnisses zugunsten der polnischen Sprache. Es ist bekannt, daß das „nationale Bekenntnis" der jüdischen Bevölkerung seitens der Majoritätsnation ein erzwungenes ist, während sich doch niemand der Erkenntnis verschließt, daß die Juden sozial, wirtschaftlich, kulturell, somit also national eine besondere Masse bilden, scharf von der Umwelt geschieden. Eine weitere politische Nutznießung und Ausfechtung der Kämpfe auf dem Rücken der in der Gefechtslinie stehenden Juden ist unzulässig. Die nationale Nötigung, wie sie in Galizien und anderwärts vorgekommen ist, dauerte bis hart an den Kriegsausbruch. Ein brutales Ausschalten der jüdischen Bevölkerung ist erst in der im März 1914 beschlossenen galizischen Landtagswahlordnung vollzogen worden.

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