Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 291 (sequence 2)
- Language
- German
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Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich 291 In Galizien bilden die Juden die drittgrößte nationale Gruppe, desgleichen in der Bukowina, während sie in Wien nach den Deutschen an erster Stelle stehen. Diese Tatsache wäre an sich sehr wichtig und von enormem praktisch-politischen Werte, wenn ihr die Tatsachen des wirklichen Machtverhältnisses entsprächen. Bedenke man doch, daß die Juden in Österreich die fünftgrößte nationale Gruppe bilden (nach den Deutschen, Tschechen, Polen, Ruthenen), daß nach ihnen erst die Slovenen, die Italiener und die Rumänen kommen, und daß sie trotzdem nicht entfernt jene Summe von Rechten haben, wie die achtgrößte Nation, die Rumänen, in der Bukowina. Bei den Juden ist die Bevölkerungszahl, das natürliche Volkskapital als die Grundlage der Macht nicht zur Geltung gelangt. Schuld der mißlichen Lage ist vor allem, als primäre Erscheinung, die anormale jüdische Siedlung im Lande, verursacht durch die gesetzlichen Verbote. Es wirkte eine ganze Reihe von Verboten und Beschränkungen auf dem Gebiete des öffentlichen und privaten Rechtes, Erschwerung des Konkurrenzkampfes, das Verbot der Freizügigkeit und der freien Siedlung auf dem Lande usw. zusammen. Ist diese stattliche Reihe von negativen Momenten genügend, um ein normales Leben auszuschließen, so wird sie um so verhängnisvoller wirken, als die Juden noch mehr von den Wirkungen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung des Landes und Volkes abhängig waren. So wurde jener wirtschaftliche und soziale Hochdruck geschaffen, der bis auf den heutigen Tag dauert, den sogar die Genesis und Entfaltung des modernen Kapitalismus nicht nur nicht aufgehoben, sondern eher noch potenziert hat. Infolge der gesetzlichen Verfassung kam es zu einer Zerstreuung im Lande. Die Statistik weist ein allmähliches Sinken der Bevölkerungszahl in den Dörfern, eine langsame Aushöhlung des Dorfes, sowohl in Westals auch in Ostgalizien auf; die Urbanisierung der jüdischen Bevölkerung steigt in allen Kronländern, wo die Juden in merklicher Zahl wohnen. Diese Siedlung verursachte die sekundäre Erscheinung: die eigenartige wirtschaftliche Struktur der jüdischen Massen, diese um so mehr, als die Politik der sogenannten,,Wirtsvölker" darauf gerichtet war, die Juden sich nicht anhäufen zu lassen, um ihnen dadurch nicht jene Kraft zuzuführen, welche sie in Verbindung mit dem Boden in einem für jene gefährlichen Maße ziehen könnten. Zwar haben die Juden Boden erworben, doch nicht besessen. Die fatale Zersplitterung und der Mangel an Erdverbundenheit sind die Ursachen des größten Übels der Judengeschichte, — ihrer stabilen Minorität, auch auf den Territorien ihrer kompaktesten Siedlung. Sie sind aus diesem Grunde noch mehr von dem ganzen Knäuel der wirtschaftlichen und sozialen Ursachen des bewohnten Landes abhängig geworden und gewannen zugleich die in solchen Fällen notwendige Schmiegsamkeit und den Mobilismus, was die Möglichkeit der Eroberung einer dauernden wirtschaftlichen Funktion im Lande fast illusorisch machte. Wilhelm Roschers fundamentaler Satz von der Verdrängung der Juden hat auch hier seine uneingeschränkte Geltung. Er sagt: „Jahrhundertelang sind die Juden gleichsam die kaufmännischen Vormünder der neueren Völker gewesen zum Nutzen der letzteren selbst. Aber jede Vormundschaft wird lästig, wenn sie länger dauern will, als die Unreife des Mündels. Die Judenverfolgungen unseres späteren Mittelalters sind zum großen Teil ein Produkt der Handelseifersucht; sie hängen eng zusammen mit dem ersten Aufblühen des nationalen Handelsstandes.''