Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 288 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Martin Buber: und nicht eine gemeinsame Weltanschauung zur Voraussetzung und Legitimation haben; und nun sollen gar alle Vertreter beider Teile auf eine gemeinsame Weltanschauung eingeschworen seinl Aber es wäre mir lieb zu erfahren, wen und was Sie meinen, um auf diesen Punkt so ausführlich, wie er es verdient, eingehen zu können. Nun weiß ich zwar nichts von einer „Koalition" zwischen Zionismus und Orthodoxie; es sei denn, Sie meinten damit die von Fall zu Fall, für Wahlen u. dgl., gegen einen gemeinsamen Gegner getroffenen Vereinbarungen. Aber wenn auch nicht eine formulierte und organisierte Koalition, es gibt da eine trotz aller ungeheuren Verschiedenheiten — deren größte darin besteht, daß der Zionismus als solcher zu der religiösen Frage überhaupt keine Stellung nimmt und somit Anhänger aller religiösen Richtungen und Anschauungen umfaßt — unzweifelhaft bestehende innere Gemeinsamkeit, nicht eigentlich zwischen Zionismus und Orthodoxie, aber zwischen einem wahrhaften, begeisterten Zionisten und einem wahrhaften, begeisterten Gesetzesjuden: die leidenschaftliche Auflehnung gegen das fiktive Judentum und das leidenschaftliche Verlangen nach einem realen. Was fiktives Judentum sei? Sie selber sagen es. „Mit der Negation und Abwehr allein ist es nicht getan," rufen Sie Ihren Lesern zu; „wir müssen zu ganz anderen, positiven Leistungen uns aufraffen." Das Judentum, das es sich bisher an Negation und Abwehr hat genügen lassen und dennoch den Anspruch erhob, Judentum genannt zu werden — dieses nenne ich das fiktive. Reales Judentum, das ist gelebtes Judentum. Die Unterscheidung gilt auch für alle anderen Gemeinschaften, die religiösen, die nationalen und die politischen. Reales Christentum ist nicht proklamierte, sondern gelebte christliche Lehre. Reales Deutschtum ist nicht proklamierter, sondern gelebter deutscher Geist. Realer Sozialismus ist nicht proklamierte, sondern gelebte sozialistische Gesinnung. Und so ist ein wahrhafter Jude nicht, wer das Judentum proklamiert —■ und wahrlich, es gilt mir gleich, ob es ein religiöses oder ein nationales Judentum ist, das er im Munde führt, und die gelten mir nicht als Zionisten, denen der Zionismus nur eine Parole und ein Bekenntnis ist —:, sondern das ist ein wahrhafter Jude, der mit seinem Judentum in seinem Leben und seinem Tun Ernst macht. Ein Stück Ernst ist es freilich schon, wenn er, wie Sie sagen, „mit der ganzen Glut des Herzens, mit Zittern und Beben sein Schema Jisrael betet" (ich muß freilich gestehen, daß ich deren an den Andachtsstätten des liberalen Judentums nicht gar viele gefunden habe) —■ ein Stück schönen Ernstes, aber nicht mehr, geschweige, wie Sie meinen, eins und alles. Das Ganze hat erst, in dessen Leben das Judentum wirkendes, formendes Element geworden ist. Ich kenne nur zwei Versuche, dies zu erreichen. Der eine ist der des begeisterten gesetzestreuen Juden, der nicht aus Erbgewöhnung und Pietät, sondern aus großer Gläubigkeit sein Leben in die alten Formen fügt — dieser Versuch geschieht nur dann in Wahrheit, wenn das große jüdische Ethos sich mit den Formen paart. Dieser Versuch heißt: das manifeste Judentum erhalten. Der andere heißt: das verschüttete Judentum freimachen; das ist der Weg des Zionismus. Dieser Versuch, der allein zu einem neuen und ganzen Judentum führen kann, wird sich erst in Palästina, in den nationalen Formen jenes übernationalen Strebens, von dem ich gesprochen habe, vollenden; unternommen wird er im persönlichen Leben jedes wahrhaften Zionisten, denn jeder wahrhafte Zionist ist auch im innerlichsten Sinn unterwegs.