Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Begriffe und Wirklichkeit
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 289 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Begriffe und Wirklichkeit 289 In diesem Brief ist nicht der Ort, auseinanderzusetzen, wovon ich schon wiederholt gesprochen habe und noch mehr zu sprechen gedenke. Aber eines möchte ich hier herausheben, weil Sie selbst es getan haben und weil daran recht deutlich wird, was ich meine: die Frage der hebräischen Sprache. Sie, Herr Geheimrat, sagen: Die hebräische Sprache ist für uns deutsche Juden keine profane Umgangssprache, aber auch keine tote Sprache; sie ist die Sprache unseres Gebetes — und „so viel Hebräisch muß demgemäß jeder gebildete Jude sich anzueignen bestreben, daß er die wichtigsten Gebete mit der ganzen poetischen Kraft der Ursprache zum tiefsten Schatze seines Gemütes macht." Und deshalb offenbar nennen Sie das Verdienst des Zionismus um die hebräische Sprache ein scheinbares, weil er sie als „profane Umgangssprache" behandle, ja Sie sprechen sogar von „Gefahr und Unsegen". Ich vermag nun freilich nicht zu erkennen, welche Gefahr und welchen Unsegen es bedeuten könnte, wenn Hebräisch wo immer als Umgangssprache behandelt würde. Aber ich sehe, und die meisten Zionisten mit mir, im Hebräischen für die Diaspora nicht in erster Reihe eine Umgangssprache, sondern vor allem die Sprache, in der allein die großen Werte des Judentums unverkürzt und unverfälscht aufgenommen werden können. Wir sehen in ihm nicht eine „profane", wohl aber eine im hohen Sinn weltliche, alles Geistliche mitumfassende Sprache, die Sprache des mächtigen geschichtlichen Zusammenhangs, des ganzen einigen Volkstums, zu dem auch die Gebete, aber nur als ein einzelner Abschnitt dieses großen Buches gehören. Und ferner sehen wir im Hebräischen die Sprache, in der sich die ursprüngliche jüdische Geistesart verdichtet hat und aus der sie - unabhängig von allen Inhalten - sich jedem erschließt, der sie vollkommen aufnimmt (womit ich allerdings eine tiefere Kenntnis meine, als die zum Verständnis der wichtigsten Gebete genügt). So ist sie uns zwiefach ein Wegbahner zum verschütteten Judentum; inhaltlich, indem sie uns wesentliche und verschollene Werte übermittelt: so die urzeitlichen, die von den notwendigerweise paraphrasierenden Übersetzungen*) verdeckt werden, als auch jene späteren, von denen überhaupt keine Übersetzung Kunde bringt und die auch dem, der Hebräisch schon erlernt hat, erst erschlossen werden müssen; formal, indem sie die alten jüdischen Denkformen, die von denen der europäischen Kultursprachen, unserer „Muttersprachen", verdrängt worden sind, in uns wieder lebendig macht, wie es nur die Sprache, in der sie sich einst verkörperten, in innerlicher Wirkung vermag. So wird Ödland in uns urbar, das reale Judentum wächst, Stück um Stück wird dem fiktiven entrissen. So und mit verwandten Mitteln, Herr Geheimrat, haben wir begonnen, junge Menschen zu erziehen, so werden wir viele erziehen, eine Auslese des neuen Judengeistes, eine Gideonschar, erprobt und gesiebt, zum Streit gegen das innere Midjan, gegen das fiktive Judentum. Und wenn es mit rechten Dingen zuginge, müßten Sie, Herr Geheimrat, diesen unseren Streit mitkämpfen, statt die „Gefahr" und den „Unsegen" des Zionismus „überwinden" zu wollen. Martin Buber *) Nicht bloß die christlichen, wie Sie meinen, modeln den ursprünglichen Sinn und Geist, alle tun es, denn keine abendländische Sprache vermag die Urworte der Bibel, jedes einzelnen elementare Wucht und ihrer Verbindungen zyklopische Fügung, irgend wiederzugeben.